NORDTRIP – Tag 19: Atlanterhavsveien

Wir erwachen im Sonnenschein, da sieht der Parkplatz schon viel freundlicher aus. Es ist windstill und angenehm warm – T-Shirt-Wetter. Dass wir das auf dieser Reise noch erleben dürfen!  😆
Ich bin mal wieder als erste wach und nutze die Zeit, um mich ein bisschen bei Tageslicht umzusehen. Gleich nach dem Parkplatz beginnt eine Uferzone mit vielen schönen Grill- und Picknickstellen (hier nur eine klitzekleine Auswahl).

Dann schlendere vor auf die langgezogene vorgelagerte Halbinsel, die über eine Art Damm mit dem Festland verbunden ist. Dort findet sich folgende Beschilderung zu einem weiteren Strandabschnitt:

Es sind aber grad keine Nutzer vor Ort ?

Man könnte hier noch eine ganze Strecke vor laufen, aber es wird allmählich Zeit zum Frühstück zurück zu kehren. Da vorne (im Waldstück am linken Bildrand) sind die anderen beiden inzwischen bestimmt auch schon wach.

Nach dem Frühstück widmen sich Rainer und Elias der Lösung eines Problems. Elias sieht theoretisch über’s Handy, was die Kamera seiner Drohne filmt, aber das Display ist bei Sonneneinstrahlung zu kontrastarm, um wirklich was zu erkennen. Aus Bordmitteln wie der inzwischen geleerten Flatbrød-Packung, schwarzem Gaffa-Tape und Wäscheklammern wird also ein Sonnenschutz gebastelt.

Danach brechen wir auf. Wir sind jetzt bis Trondheim auf der E6 unterwegs, wo mancherorts (aber auch nur mancherorts) unfassbare 90 km/h erlaubt sind, das ist fast doppelt so viel wie unser Durchschnittstempo der letzten 3000-oder-so Kilometer. Andernorts gilt auf der zweispurigen Fahrbahn aus unerfindlichen Gründen Tempo 70, was Rainer verständnislos ächzend kommentiert:

„Fühlt sich an wie 30…“

Ein Mini-Abstecher führt uns zu einem Geocache – den wir mal wieder nicht finden. Ich schreibe den Owner an, denn die Stelle, wo der Cache sein müsste, ist eigentlich unverfehlbar und sollte auch für Deppen wie uns ein lösbares Problem darstellen. (Der freundliche Cachebesitzer überprüft das Versteck noch am selben Abend, meldet zurück, dass der Behälter in der Tat verschwunden sei, und erteilt mir dankenwerterweise die Logfreigabe.)

Trondheim. Wir suchen einen Parkplatz mit WLAN, scheitern aber an dieser etwas zu spontan gestellten Aufgabe. Egal, befüttern wir halt einen beliebigen Parkautomaten am Straßenrand (selbst das geht problemlos mit der Kreditkarte) und ziehen für ein Stündchen gemeinsam los.

Leider bin ich, was Trondheim betrifft, total mies vorbereitet und habe echt keinen Plan, genau was wo wie. Aber auch so finden wir das Ortszentrum, wo auf einer Bühne gerade irgend eine Ehrung von jungen Menschen stattfindet. Klar verstehen wir kein Wort, aber die Band, die nach den Huldigungen einen lautstarken Auftritt hat, ist in ihrem leicht gruftigen Sound durchaus international „verständlich“.  😯

Wir schnappen was zu essen und schlendern noch ein bisschen herum. Dabei stoßen wir auf die alte Stadtbrücke, die zu einer attraktiven Holzhäuserfront führt.

Und das war’s dann auch schon mit unserer Stippvisite in Trondheim. Peinlich, jawohl. Man sollte das gar nicht weitererzählen…

Unser Husch-Pfusch-Eindruck war, Trondheim ist bestimmt schon sehenswert, wenn man denn wüsste wohin – nächstes Mal mit besserer Vorbereitung. Dieses Jahr hab ich’s aus verschiedenen Gründen einfach nicht rechtzeitig vor unserer Abreise geschafft, meine Recherchen zu meiner eigenen Zufriedenheit fertig zu stellen. Wobei man mit sowas ja nie in dem Sinne „fertig“ wird… Wenn ihr euch also in Trondheim auskennt (Hugi ??) und Tipps für unseren nächsten Besuch dort habt, dann nur rein damit in die Kommentare.

Wir gehen noch einkaufen – Zimtschnecken!! – und bald nach Trondheim wird die Gääääähn-Fahrtstrecke endlich wieder attraktiver.

Es wird wieder bergiger; die Serie der teils verwegen geschwungenen Brücken über und ebenso verwegen abtauchenden Tunnels unter den diversen Meeresarmen nimmt wieder an Fahrt auf. Wir sind auf Kurs nach Kristiansund, wo die Abzweigung zum „Atlanterhavsveien“ sich befindet, Landschaftsroute („Atlantikstraße“), ein mit 25 km kurzer, aber sehr berühmter Straßenabschnitt.

Zunächst aber tauchen wir im Atlanterhavstunnelen mal wieder gewaltig unter dem Meer ab. Immer wieder habe ich mich gewundert, wieso stinknormale Ortsdurchfahrten Maut kosten wie in Bodø oder Trondheim, die wirklich abenteuerlichen Brücken und Tunnels dagegen, die wir immer wieder nutzen, nicht. Nun, hier „dürfen“ wir am Ende des Tunnels mal zahlen, und das nicht zu knapp. Die Fahrt kostet uns rund 150 NOK.

(A propos Maut: Normalerweise wird Maut in Norwegen automatisch eingezogen. Es empfiehlt sich dringend, das eigene KFZ-Kennzeichen schon von Deutschland aus für das „AutoPASS“-System registrieren zu lassen. Dann werden die per Kamera erfassten Mautgebühren einige Monate später von der angegebenen Kreditkarte abgebucht. Hat mein sein Fahrzeug nicht registriert, so fallen Zusatzgebühren von rund 30 € an, um die man auch zu Hause in D nicht herum kommt.)

Nach dem eindrucksvollen Atlanterhavstunnelen spuckt uns der Tunnel völlig unerwarteterweise in einer Art Mondlandschaft aus. Zu gern würde ich hier aussteigen und mich umsehen. Aber es geht schon hart auf den Abend zu, der Himmel ist grau, und 2/3 der Fahrtbesatzung sind absolut nicht mehr motiviert. Die hält nur noch die Aussicht auf die berühmte „Storseisundbrua“ am Laufen, eine von einer ganzen Serie von Inselhopping-Küstenbrücken des Atlanterhavsveien (s. Karte unten), diese besonders wild geschwungen. Und danach möglichst schnell ein Campingplatz mit schönem Klo und WLAN.

Wir erreichen die ersten Brücken – jo, ganz nett. Bei schönerem Wetter bestimmt noch netter. Aber soooo dolle jetzt auch nicht, wir machen nicht mal ein Bild.

Dann die Storseisundbrua, DIE Brücke. Doch wo ist der Schwung?? Irgendwie schon da, aber hmmm, Kopfkratz, der genaue Aufnahmestandpunkt bekannt drastischer Fotos will sich uns so spontan einfach nicht erschließen.

Wir laufen einen Bohlenweg um einen Hügel am Ostende der Brücke, in welchen ein Café „eingebaut“ ist, aber auch von dem Bohlenweg aus: nix.

Elias will eigentlich seine Drohne starten, ist aber noch immer leicht verunsichert nach dem gestrigen Crash am Torghatten und lässt’s bei leichtem Wind dann doch lieber bleiben.

Wenigstens ein „richtiges“ Bild wollen wir schon schießen. Also schaue ich mir die Fotos der Brücke im Internet nochmal genau an. Ach so, von der anderen Seite (Westen) aus das Ganze! Und zwar nach der Storseisundbrua noch über die nächste, die Myrbaerholmbrua, drüber, und erst danach nochmal schön weit weg und tief runter. Mal sehen, ob wir das jetzt auch hinkriegen. Und siehe da:

Zugegeben, ein bisschen crazy ist dieses Bauwerk ja schon…

Wäre das Wetter heute anders, nämlich viel besser oder gerne auch sehr viel schlechter ;-), dann könnte das jetzt schon ganz gut aussehen. Mit dem einheitsgrauen Himmel, den wir hier jetzt aber vorfinden, taugen die Bilder wirklich bloß zur Dokumentation. Wie so oft: Das Licht macht den ganzen Unterschied.

Festzuhalten bleibt jedenfalls, wie krass sich hier mal wieder die Frage der „richtigen“ Perspektive auswirkt. Von Norden oder Süden aus sieht man der Storseisundbrua NULL an, dass irgendwas an ihr „nicht normal“ ist. Da scheint sie einfach kerzengerade (!) hoch und wieder runter zu gehen wie jede andere Brücke auch. Von Osten aus hat sie halt ne leichte Kurve – das haben wir alles (grad in Norwegen) aber auch schon anderswo gesehen. Nur von Westen aus, und auch da nur mit genau dem richtigen Blickwinkel, erkennt man, dass die Storseisundbrua echt ein verwegenes Ding sein kann…  😀

Uns reicht’s. Wir suchen uns einen Platz für die Nacht.

Am Atlanterhavsveien ist es nun aber so, dass da immer wieder „Camping verboten“ steht. Man ist also wirklich auf einen richtigen Zeltplatz angewiesen. Sicher ist, sowas gibt’s am Ende der Straße in Bud, 25 km weiter. Auf meiner Karte ist aber davor auch schon ein Zeltsymbol zu finden, und zwar nach Farstad rechts rein am Ende einer kleinen Bucht. Ein weiter Umweg ist das nicht, das sehen wir uns mal an.

Am Ende der Bucht erscheint ein Schild, „Hustadvika Gjestegård“, und bald auch schon das Ende dieser Straße. Da steht eine ganze Reihe schnuckeliger Häuschen, und uns wird klar: Das war mal wieder ein Kartenfehler, oder vielmehr eine Kartenunpräzision. In Norwegen findet man nämlich an der Straße Zeltschilder, Wohnmobilschilder und Hüttenschilder. Und wenn’s eines davon gibt, muss es all das andere durchaus nicht geben. Es gibt z.B. Wohnmobilplätze, an denen keine Zelte erlaubt sind. Hier also (nur) Hütten.

Ich glaube, ihr seht auf diesem Bild nicht, was wir da sahen: Es war Abend. Wir hatten genug. Der Himmel war grau und wurde immer grauer, da es anfing zu regnen. Vor allem aber fing es an zu stürmen. Wir befinden uns hier – wie schon auf Andoya  – an einer nord-westlich zum offenen Meer exponierten Ecke Norwegens. Liegt’s daran oder auch nicht, aber an diesen Stellen konnte der Wind jeweils wirklich ungastlich werden.

Die roten Häuser im Grau sahen für uns an diesem ungemütlichen Abend sowas von schnuckelig aus. Vor allem, als wir das Hauptgebäude erblicken. Oder was meint ihr?

Ooooch, dachten wir, fragen können wir ja mal. Sieht zwar teuer aus, aber fragen kostet nichts.

Das Hauptgebäude erwies sich als verwaist und abgeschlossen. Am Eingang folgendes Schild:

Aha!!  😀

Also flott angerufen. Erst kamen wir aber nicht durch. Elias fummelte derweil am Zahlenschloss hinter Nr. 3 rum, und grad, als am anderen Ende der Leitung doch noch jemand abnahm, sprang es doch tatsächlich auf, darin wie versprochen ein Schlüssel…  🙄

Aber wir nutzten diese Chance natürlich nicht schamlos aus ;-), sondern erfuhren: rund einen Hunni sollte eine Hüttennacht kosten. Billig war das nun nicht gerade, wir waren ja nur noch zu dritt.

Aber wir hatten uns spontan verliebt und entschieden uns ebenso spontan zuzuschlagen.

10 Minuten später rollte in einem Affenzahn eine junge Frau in einem kleinen Flitzer an, schloss das super-schicke Haupthaus auf (WOW!) und erklärte uns die Gegebenheiten: Nachsaison, alles schon ein bisschen auf Sparflamme, so dass wir z.B. den Whirlpool im Hauptgebäude nicht mehr nutzen können, Mist aber auch! Ansonsten aber alles roger.

Hier ein Foto des Hauptgebäudes, das stammt allerdings vom nächsten Morgen:

Die uns zugewiesene Hütte war dann ein Knaller. Die schönste Lage überhaupt, auf gleich zwei Seiten freier Blick aufs nahe Meer. Ein Eingangsbereich, Bad, zwei Schlafzimmer, großer Koch-/Ess-/Wohnbereich mit offenem Kamin, ne Terrasse. Alles picobello sauber und wirklich liebevoll eingerichtet. Wir atmen auf, grinsen wie Bolle über alle vier Backen und freuen uns wie die Schneekönige über unser kuscheliges Asyl.

Das krasse Gegenteil zur Gammelhütte in Bodø. Wer dafür den doppelten Preis nicht für angemessen hält, ist grad selbst schuld.

Elias findet im Tiefkühlfach noch unangebrochene Pommes und Brokkoli. Und so gibt es heute ein etwas schräges Menu de luxe: Pommes, Brokkoli, Spaghetti mit Pesto und Joghurt zum Nachtisch. Draußen wird die Landschaft blau und tiefblau, die Brandung kracht mit weißen Schaumspitzen an Land, und das ein oder andere große Schiff zieht abendbeleuchtet von links nach rechts durch unseren Panoramafensterblick. Was für ein Abend (glückseligen Seufzer bitte dazudenken)!!!

Fahrtübersicht Tag 19:

Steinkjer – Trondheim –  – Fähre Halsa/Kanestraum – Kristiansund – Atlanterhavsveien, 375 km, Fahrtzeit mit Stippvisite in Trondheim: 1 Tag

TAGESVLOG – Atlanterhavsveien

2018-03-08T16:27:49+01:00

About the Author:

Sonja

Hinterlassen Sie einen Kommentar