Großbritannien – Tag 2: Auf nach London

Nachts hat es geregnet, heftig, bei heftigem Wind. Dazwischen war es totenwindstill. Immer was Neues also, so dass uns in unserer Koje nicht langweilig wurde. ?

Wir frühstücken. Und zwar das leckere Müsli, das wir – inzwischen schon traditionsgemäß – vor unserer Abfahrt selbst zusammengebastelt haben. Vier große Tüten voll, und das wird wie immer kaum reichen. Müsli zum Frühstück ist unterwegs einfach praktisch.

Da der Wind wieder „sandelt“, so dass man die Autotüren echt nicht auflassen mag, essen wir im Bus an Rainers superpraktischem neuen Tisch. Den kann man in alle Richtungen frei drehen und schwenken, so dass er immer schwuppdiwupp aus dem Weg gestupst ist. Eines der Models auf dem Foto ist morgenkontaktmufflig – nun gut.

Ich klettere zum Abschied nochmals kurz über das Dünchen und drehe eine kleine Morgenrunde am Strand.

Der nächtliche Regen hat nur gereicht, um den Sand einen Zentimeter oder so zu durchfeuchten, wie man meinen Fußstapfen entnehmen kann.

Die Wind- und Wellenbrecher am Strand tun offensichtlich ihre Arbeit. Von Süden her ist der Strand absolut glattpoliert, wie frisch abgezogen. Nördlich der gemauerten Linie ist von der ganzen Ordnung nichts zu sehen.

Als ich zurück bin, haben die Jungs den Wagen soweit startklar gemacht, und wir können los. Bis nach Dünkirchen sind es nur 20 km.
Oder so dachte ich. Hab dabei leider ausgeblendet, dass ich diese Freischnauze-Schnellmessung gestern zwar sehr wohl durchgeführt hatte, allerdings nicht von unserem tatsächlich genutzten Stellplatz bis zur Fähre, sondern von meinem deutlich weiter südlich gelegenen Plan B aus. Und so kommt es, wie es kommen muss: Wir haben’s heute morgen, wo’s drauf ankommt, grob doppelt so weit. Und damit tickt die Uhr runter, denn spätestens um 9.15 Uhr gilt es an der Fähre anzutreten.
Das folgende Foto ist nicht gestellt, sondern der reale Schnappschuss bei der Hafenanfahrt:

Merkt ihr was? 9:15 Uhr – Punktlandung, aber wirklich.
Die Hafenkontrollen sind in Zeiten der EU-Grenzfreiheit ein Erlebnis. Wie früher. Erst für die Fährgesellschaft die Fährtickets und Ausweise zeigen. Dann der französische Zoll – nochmal die Ausweise, und außerdem müssen wir alle aussteigen und werden abgescannt, und der Kofferraum wird auch inspiziert. Ich vermute: Sie wollen sehen, ob wir blinde Passagiere mit an Bord haben, denn war das nicht breit in den Nachrichten aus Calais?
Der britische Zoll, der als drittes die Ausweise einfordert, ist wenigstens gut drauf. Und dann dürfen wir uns in die Warteschlange einreihen. Ringsum ist alles, aber auch wirklich alles mit Stacheldraht abgeriegelt.

Grad, als sich unsere Autoschlange von vorne in Bewegung setzt, schweift mein Blick nach rechts zur Reihe der wartenden LKWs, und ich erlebe folgende Szene (wie immer kann man die Bilder durch Anklicken vergrößern):

5 oder 6 Afrikaner müssen das gewesen sein, die da aus ihrem Versteck gepflückt wurden.
Und wir dürfen einfach so, zu Urlaubszwecken, völlig unbehelligt und willkommen nach Großbritannien einreisen. Gerecht ist das irgendwie nicht…

Mit Fähren kennen wir uns spätestens seit letztem Sommer aus. Man sollte nicht zu leicht bekleidet antreten. Das bestätigt sich mal wieder, denn trotz herrlichstem Sonnenschein, der das Außendeck-Küstengucken zum Genuss macht, pfeift der Wind aus allen Löchern – es ist arschkalt. Zu sehen gibt es grob ab der Halbzeit rechterhand die White Cliffs of Dover:

Besonderen Spaß dabei hat man wie immer als Brillenträger.

Logischerweise werden nicht nur die Brillen benetzt, sondern wir werden mit Haut und Haar vom Spühnebel eingesalzen. Meine Haare werden bocksteif, und als ich abends in unserer Unterkunft dusche, schmeckt das Duschwasser so, als könne man direkt Nudeln drin kochen.

Die Sprühnebelbehandlung teilen wir mit „unseren“ Pforzheimern, die uns gestern auf dem Autobahnrastplatz schon aufgefallen sind (und die – wie könnte es auch anders sein – von Rainer wiedererkannt werden). Wir plauschen eine ganze Weile. Sie wollen weiter nach Schottland.

Dover Castle, direkt über dem Hafen gelegen, kommt ins Visier.

Das Schloss bekommen wir noch näher zu Gesicht, als wir nach unserer Landung zum National-Trust-Gelände oben an den Klippen hinauf fahren, um unsere E-Voucher für den National Trust Touring Pass einzulösen.

Einschub: Luftlinie sind es vom Hafen bis zum National-Trust-Gebäude knapp 200 m. Reale Fahrstrecke s. Screenshot:

Diese Von-hinten-durch-die-Brust-ins-Auge-Wegvorgabe eignet sich vorzüglich, um gleich das Wichtigste zu trainieren: LINKS ist das Motto der Stunde. Links fahren. Rechts gucken. Wie funktioniert das in den allgegenwärtigen Kreiseln? Wer muss wem Vorfahrt gewähren, und von welcher Seite droht Gefahr?

Wir erreichen das National-Trust-Gelände ohne Unfall. Ende des Einschubs.

Mit dem National Trust Touring Pass werden wir später in unserem Urlaub diverse Schlösser & co. hemmungslos besichtigen können. Da wir den 14 Tage gültigen Familienpass aber erst später auf unserer Reise aktivieren werden, begnügen wir uns, was Dover Castle betrifft, mit der eindrucksvollen Außenansicht.

Nun geht’s zunächst entlang der Küste auf nach Folkestone. Dort haben wir drei Missionen  zu erledigen: 1) Kauf einer nationalen SIM-Karte, damit wir z.B. bloggen können. 2) Bezug von etwas britischem Bargeld. Wir haben nämlich keines bzw. nur noch ein paar klägliche Restbestände von Anno Quark, die der Parkhausautomat bereits empört verweigert. 3) Kauf einer Schraube für den Klappstuhl, s. gestern.

Missionen Nr. 1 und 2 sind gut zu bewältigen. Mission Nr. 3 führt uns auf den Tipp eines Einheimischen hin zu einem Baumarkt, Wickes, der angeblich „alles“ hat. Nur unsere Schraube natürlich nicht. Der Markt ist den Jungs zufolge „in echt“ auch erbärmlich. Mit einem Zehnerpack zu langer Schrauben kommen sie zurück aus dem Laden. Wir vespern auf dem Parkplatz – wenn der pubertäre kleine Hunger kommt, ist högschde Eile geboten, denn sonst kommt Unmut auf.

Dabei erfreuen wir uns am Schauspiel eines Briten, der meterlange Rohre in einen definitiv nicht meterlangen Kleinwagen „einräumt“. Hinten rein und zur Beifahrertür vorne wieder raus. Und dann, noch auf dem Parkplatz, die Akkusäge ausgepackt und passend gemacht, was nicht passt. Man muss halt nur gut ausgerüstet zum Einkauf ausrücken.

Als die Mägen gefüllt und die Schrauben eingetütet sind, machen wir uns on the road gen London. Dabei kommt es zum Zwecke der ambitionierten Geocachesuche zu einem kleinen erfolglosen Abstecher in ein typisches britisches Wohngebiet, das sich wenigstens ansehnlich fotografieren lässt, wenn wir das blöde Ding schon nicht finden, HMPF!

Nach London hineinzufahren zieht sich dann elend lang hin. Stadtautobahnen oder sowas scheint es nicht zu geben, oder unser Weg führt jedenfalls clever dran vorbei. Wohngebiet reiht sich an Wohngebiet, und von einer kleinen Straße biegen wir kreisverkehrzirkelnd in die nächste ein. Es ist tatsächlich schon fast 17 Uhr, als wir endlich unser Airbnb erreichen. Jess, eine junge Hebamme, ist unsere (ausgesprochen freundliche) Gastgeberin. Sie lässt uns ins Haus, erklärt kurz das Nötigste, und zischt dann wieder los zur Arbeit.
Das Haus ist klein (wie die allermeisten), aber wirklich sehr nett. Wir bewohnen dort nun zwei Zimmer – Elias hat ein echt schnuckeliges Kämmerchen für sich – und teilen mit Jess und ihrem Partner Adam den Wohnraum, die Küche und das Bad. Das passt absolut so, wir sind ja eh quasi nur zum Schlafen da. Die Kosten betragen für zwei Nächte mit Frühstück nur 86 € (einschließlich eines 20%-Rabatts für die ersten drei Gäste der beiden, und zu denen zählen wir).
Wir schleifen das nötigste Geraffel ins Haus, kämpfen kurz und heftig, am Ende aber wenigstens erfolgreich mit der Tür-Abschließ-Technik (der Trick: beim Herumdrehen des Schlüssels muss die Klinke um 45 Grad hochgezogen werden; wer denkt sich denn sowas aus!!) und ziehen los in die Stadt. Die nötigen Fahrscheine habe ich schon von Deutschland aus organisiert.
Vorbei an einem Lehrstück der Elektrikerzunft…

… erreichen wir nach strammem Fußmarsch die nächstgelegene Bahnstation. Dort kämpfen wir ne ganze Weile um das Grundverständnis der örtlichen Verkehrsnetzlogik, steigen schließlich hoffnungsvoll in einen Zug ein und landen nach gut halbstündiger Fahrt tatsächlich im Herzen  der Stadt an der London Bridge. DAS ist mal ne Bahnstation…

Die Haltestelle „London Bridge“ liegt direkt zu Füßen des höchsten (und irre teuer zu besuchenden) Aussichtspunktes der Stadt „The Shard“. So sieht das Ganze aus, wenn man aus dem Bahnhofsgebäude tritt:

Einen Plan, was wir heute Abend noch tun wollen, haben wir nicht. Einfach mal ein bisschen rumgucken.

Genau das tun wir dann auch, und zwar auf dem sehr überschaubaren Streckenabschnitt zwischen London Bridge und Tower Bridge. Davon jetzt einfach noch ein paar abendlichtstimmungsschöne Impressionen – des wor’s.

ZWEI-TAGES-VLOG – Auf nach London

2018-08-17T08:51:45+01:00

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Sonja

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