Großbritannien – Tag 3: London

Offenbar war die Nacht gemütlich.

Nach dem Frühstück machen wir uns in die Stadt auf. Gestern Abend haben wir eruiert, wo wir in den nächsten Bus einsteigen können, um die zu Fuß doch erhebliche Zugangsdauer zur Bahnstation zu minimieren.

Da es noch recht früh ist, ist der Bus ziemlich karg besetzt, und wir ergattern die vorderste Sitzreihe im Obergeschoss. Zeitlich sind wir auch gut dran, und mit reichlich Puffer erreichen wir den Bahnhof – nur um festzustellen, dass „unser“ Zug aufgrund eines technischen Problems fast eine halbe Stunde Verspätung hat. Wir wollen aber auf 10 Uhr am vom Volksmund „Walkie-Talkie“ genannten Gebäude in der Fenchurch Street No. 20 sein. Dort haben wir kostenlose Tickets für den Sky Garden, die verfallen, wenn wir nicht rechtzeitig antreten.

Mit der Zugverspätung ist das nicht zu schaffen. Also muss ein Plan B her. Mit der gestern erworbenen Verkehrsnetzkompetenz ? schaffen  wir es auch tatsächlich, auf einer komplett anderen Route punktgenau um 10 am Ende der Schlange am Gebäude zu stehen, Yeah!

Die Zugangskontrollen zum Sky Garden sind umfangreich; es gibt jede Menge Sicherheitspersonal und Gepäck- und Personenschleusen wie am Flughafen. Aber zeitlich geht das alles zügig vonstatten, und schwuppdiwupp befinden wir uns im Lift, der uns in einem Affenzahn hastunichtgesehn in den 35. Stock hochkatapultiert. Wir treten aus dem Lift – OH! AAH! Klasse. Seht selbst:

Der „Sky Garden“ befindet sich im Dachgeschoss des zur Themse überhängenden Gebäudes. Diese Seite ziert eine riesige Fensterfront mit vorgelagerter Terrasse (die heute des Regens wegen leider gesperrt ist).

Rechts und links des Gebäudemittelblocks ziehen sich am Rand entlang üppige Grünstreifen, an denen entlang man auf Treppen noch ein ganzes Stück weiter hoch steigen kann.

So gelangt man zu einer zweiten Etage auf der Fensterfrontseite oder aber hoch oben an die Rückseite des Gebäudes, wo man z.B. genau gegenüber „The Gherkin“ erblickt. (Die Fensterfronten sind mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Blickrichtung beschriftet, falls ihr euch wundert, was ihr da seht.)

Die Architektur ist cool und die Aussicht ist überragend (und im Gegensatz zu der von The Shard spart man ja immerhin fast 30 GBP p.P.). Nur regnet es heute immer wieder heftig mit der Folge, dass die Glasscheiben voller Tropfen sind, welche die Sicht erheblich einschränken.

Nun gut, man kann nicht alles haben. Aber der Sky Garden ist klasse, da sind wir uns einig. Nur sollte man sich rund zwei Wochen im Voraus online Tickets besorgen, sonst kommt man aufgrund des großen Zulaufs erst gar nicht rein.

Nach einer Dreiviertelstunde haben wir genug und treten den Rückweg an. Zisch, schon ist der Fahrstuhl wieder unten und spuckt uns in den Londoner Regen aus.

Was nun? Einen Termin haben wir noch, heute Nachmittag um drei. Da wollen wir an einer Fahrradführung teilnehmen. Aber bis dahin? Um meinem Ruf, ich packte immer zuviel in einen Tag, entgegenzutreten, gibt es für heute keine weiteren Pläne. Mal sehen, was das gibt…

Wir entscheiden uns zu was ganz Beklopptem. Elias hat eine Freundin, die vor rund einem Jahr in einem Secondhandladen eine Jacke gesehen und für gut befunden, aber nicht gekauft hatte. Die soll Elias nun versuchen nachträglich zu besorgen. Die Chancen, dass das klappt, stehen natürlich bei Minus 217,4, aber egal. Wir fahren hin.

Zu diesem Zwecke müssen wir kilometerlange Wege im Londoner U-Bahn-Gewirr zurücklegen. Ich rede von den Wegen zu Fuß innerhalb der Stationen, nicht von der Fahrstrecke. Treppe runter, links einen ellenlangen Gang entlang, Rolltreppe hoch etc. etc. Was die Rolltreppen betrifft, werden die Engländer ihrem Ruf gerecht. Rechts stehen, links gehen, so lautet die Theorie. Und genau so sieht das tatsächlich auch in der Praxis aus:

Irgendwann haben wir bis zu dem besagten Laden durchgearbeitet.

Drinnen die Aushängeware, die ist echt schräg. Wir überlegen uns kurz, Simi einen Snowboardanzug mitzubringen, entscheiden uns angesichts des verfügbaren Stauraums dann aber doch dagegen.

Wir finden tatsächlich eine Baseballjacke, wie Elias‘ Bekannte sie beschrieben hatte. Aber ob’s diese Jacke wider alle Vernunft tatsächlich war? Elias hatte angekündigt, die Bekannte solle für Rückfragen etwa um diese Zeit zur Verfügung stehen. Das aber tut sie nicht, und so geben wir nach einer Weile schulterzuckend auf und gehen weiter.

Nächstes Ziel ist der Shoreditch Boxpark, denn der kleine Hunger kommt.

Der „Shoreditch Boxpark“ ist eine Art Einkaufszentrum auf kleinstem Raum. Jeder der Läden im Untergeschoss hat nur die Fläche eines Containers. So können viele kleine Popup-Läden unkompliziert ihr in der Regel sehr überschaubares Sortiment erproben. Im Obergeschoss gibt es kulinarische Köstlichkeiten.

Auf das Ganze wurde ich durch eine „Kitchen Impossible“-Sendung aufmerksam und dachte, da schauen wir doch mal vorbei.

Der Weg führt vorbei an einigen riesigen sehenswerten Murals.

Und dann treffen wir ein im „Cook Daily“, dem Schauplatz der Kitchen-Impossible-Sendung.

Ja, ein schlichter Imbiss. Aber sehr gut frequentiert. Elias und ich probieren das damals nachzukochende Gericht, eine Bowl mit dem Namen „High Grade“.

Schmeckt gut, aber die barbecue-artige Soße wäre wirklich nicht Rainers Geschmack gewesen. Und nach meiner Meinung verliert diese Mahlzeit ganz klar gegen das vietnamesische Streetfood-Gericht, das ich gestern Abend in der Nähe der Tower Bridge gefuttert habe. Das war etwas scharf, aber knackfrisch und wirklich unfassbar lecker.

Rainer sucht sich was anderes.

Dieser Burger war superfrisch und mit soviel Liebe zubereitet, dass Rainer hinterher das Bedürfnis hat, zum Koch zurückzukehren und ihm seinen persönlichen Dank auszusprechen. 😀

Wir bewegen uns allmählich in Richtung des Treffpunkts zu unserer Fahrradführung mit Breakaway Bike Tours an der Waterloo Station. Auf der anderen Seite der Themse steigen wir an der Embarkment Station aus, um wenigstens einen kurzen Blick auf die Downing Street zu werfen.

Näher wollen die beiden Kollegas uns da offensichtlich nicht ranlassen, und mein Bedürfnis mich mit ihnen anzulegen ist nicht sehr ausgeprägt.

Kurz vor der Themse sehen wir das hier. Jeder darf mal raten, was das wohl sein mag.

Übrigens – es regnet. Immer noch oder schon wieder.

Rainer fröstelt, und irgendwie ist die Stimmung so ein bisschen am Kippen, da hilft auch der Blick auf das London Eye nicht.

Aber es hilf alles nichts, und sowieso ist’s jetzt Zeit beim Treffpunkt anzutreten.

Wir werden von Mike, dem Chef von Brakeaway Bike Tours, in Empfang genommen. Unsere Gruppe ist rund 10 Personen stark. Alle bekommen wir noch die Chance angesichts des Wetters die Fahrt abzublasen oder umzuterminieren, aber nein, alle bleiben stur und wollen  mit.

Ein paar Meter ums Eck bekommen wir unsere Räder, Cruiser mit sehr relaxtem Reisegefühl. Logisch ist das nun nicht gerade, denn wir enden natürlich genau dort, wo wir gestartet sind, aber ich habe die gesamte Strecke lang das Gefühl mühelos bergab zu rollen…

Unser Führer heute ist Giles, ein Bilderbuchguide. Oh Mann, der kennt sich vielleicht aus. Aber wirklich. Ich schwöre, er kennt jede Ampel mit jeder Grünphase, so dass wir selbst die Strecken fahren dürfen, von denen Mike angeblich behauptet, sie seien mit Gruppen „unmöglich“ zu befahren. Vor allem aber liebt der Knabe sein East London, das er uns in flammenden Worten nahe bringt. Und der ganze Kerl steckt voller Anekdoten, die er mit herausragendem Körpereinsatz und Schauspieltalent erzählt. Er kennt gefühlt alle Filme, die jemals in London gespielt haben, und die Schauspieler gleich mit dazu.

Unsere Fahrtstrecke der „Secret Tour of London“ führt zunächst an einem laufenden Filmset aus der viktorianischen Epoche vorbei immer wieder durch Seitengässchen zur St. Pauls Cathedral. Dort lässt Giles mit launigen Worten lebendig werden, wie Admiral Lord Nelson, der bei der Schlacht von Trafalgar vor Spanien verstarb, in der Kathedrale aber ein Staatsbegräbnis erhalten sollte, zum Zwecke der Leichenkonservierung in einem Fass voll Brandy quasi gepökelt zurück nach England transportiert wurde. Nur leider hätten die Seeleute unterwegs die Fässer nicht mehr unterscheiden können, und so sei das Fass mit dem delikaten Inhalt aus Versehen unterwegs ebenso von durstigen Kehlen geleert worden wie die anderen auch…

Wir fahren weiter zum Financial District. Ihr seht hier links das Lloyd-Gebäude, dem der Volksmund nachsagt, es sei das einzige Gebäude der Welt mit den Eingeweiden außen und den Arschlöchern drinnen…

Auch „The Gherkin“ sehen wir wieder.

Giles berichtet von den Baupannen, welche der Gherkin-Architekt Norman Foster, „der angeblich größte Architekt Großbritanniens“, da wieder auf dem Gewissen habe. Norman Foster war uns bereits von der Millennium Bridge her ein Begriff, welche gleich nach ihrer verspäteten Eröffnung für zwei Jahre (!) wieder gesperrt werden musste, um die unkontrollierten Schwankungen zu beheben, welche Fußgänger auf ihr auslösten (Kosten der Nachrüstung: schlappe 5 Mio Pfund).

Oder wie Giles erzählte:

„In jedem einzelnen Film, den ich gesehen habe, in dem die Brücke vorkommt, wird sie zerstört…“

In der Brick Lane machen wir eine halbe Stunde Pause. Dort gibt es vier oder fünf Läden mit großen Transparenten, die den jeweils anderen Schuppen zum Trotz verkünden, es gebe bei ihnen einer unabhängigen Jury zufolge 2018 das beste Curry der Stadt (?!?). Statt dessen suchen wir aber lieber ein wirklich exquisit gutes Schokoladengeschäft auf und wundern uns über diesen Laden hier, der mir seiner herausragend gelungenen Schaufenstergestaltung wegen ins Auge fiel…

Gut, der Innenraum steht den Schaufenstern in nichts nach.

Nach der Pause entführt uns Giles zum Battle of Cable Street Mural. Da er gefühlt nicht nur alle Filme, die jemals in London gespielt haben, analysiert hat, sondern auch alles liest, was ihm zu seiner Tourstrecke in die Finger kommt, kann er die ganze Geschichte, die hinter dem Mural steht, lebendig für uns auferstehen lassen.

Dann reisen wir in Londons „Amsterdam“, das auch architektonisch wieder komplett andere Hafenviertel.

Diesem Stadtteil entkommen wir über Londons Variante der Lombard Street für Radler.

Hochzufrieden erreichen wir nach rund 4 Stunden (denn Giles musste unterwegs noch seinen eigenen platten Reifen tauschen) bei Sonnenschein (!!!) wieder das firmeneigene Gelände. Ende eines wirklich tollen Nachmittags. Wir sind begeistert. Fahrradführungen finden wir eh klasse, weil man mühelos so viel weiter rumkommt als zu Fuß, und das Radeln unter ortskenntnisreicher Führung auf den Seitengassen einer Großstadt macht einfach immer wieder echt Laune. Dazu dann aber noch so ein Original von Guide – besser geht’s nicht.

Mit dem Bus fahren wir in rund einer Stunde gemütlich zurück in „unser“ Viertel. Dort suchen wir uns noch was zu essen (mittelprächtiges Ergebnis), Klappe zu, Affe tot.

Unser Tag in London bestand mit Sicherheit nicht in dem, was „man“ so macht und gesehen haben sollte. Aber wir haben einen ganz lebendigen und vielfältigen  Eindruck von der Stadt bekommen. Mehr kann man von gut 24 Stunden nicht verlangen. Und uns hat’s großen Spaß gemacht, also alles guuud.

ZWEI-TAGES-VLOG – London und weiter

2018-08-17T08:50:55+01:00

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Sonja

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