Großbritannien – Tag 4: Peak District – Hen Cloud

Wir schlafen aus und packen zusammen. Jess ist nicht da, sie ist über Nacht zu ihren Eltern gefahren, und Adam schläft noch, als wir gegen 9.30 Uhr das Haus verlassen wollen, also klopfen wir kurz an seiner Schlafzimmertür, und tatsächlich kommt er ein paar Minuten später ziemlich verstrubbelt zum Vorschein und verabschiedet uns. 😀

Der Weg zum Auto führt eine Treppe hinunter, die – wie vieles hier – echt zugemüllt ist.

Ist das nun typisch britisch oder nicht, ich weiß es nicht, aber die allgegenwärtig herumliegenden PET-Flaschen sind ein Anblick, an den ich mich nicht gewöhnen mag. Vielleicht ist es durchaus als ein Verdienst des deutschen Pfandsystems zu werten, dass Grünstreifen bei uns durchschnittlich besser aussehen…

Wir fahren los in Richtung Norden. Heute wollen wir den Peak District erreichen, einen der britischen Nationalparks. Unter „Peaks“, Gipfeln, stelle ich mir zwar was anderes vor, als ich bislang auf Bildern aus dieser Region gesehen habe, aber der Nationalpark wird seinen Status schon zu Recht erhalten haben, irgendwas Liebens- und Schützenswertes muss also dran sein.

Als wir nach langem Gegurke dem Großraum London entkommen sind, legen wir zunächst einen Teil Strecke auf dem Motorway, der Autobahn, zurück. Nach einer Weile aber fahren wir wieder davon ab, um den ältesten noch aktiven Geocache Großbritanniens zu suchen. Der Weg dorthin führt echt ins Gäu. Die Straße wird eng und enger, links und rechts werden wir quasi zugewuchert.

Spektakulär in ihrer Unauffälligkeit sind die bis zur Unkenntlichkeit geschrumpften Kreisverkehre. Diese Kreuzungen sehen aus wie jede andere auch, sie sind jedenfalls nicht auffällig rund. Stünde kein Schild da, man würde einfach drüberfahren – über den einen minimal anders gepflasterten oder auch nur mit weißer Farbe aufgemalten Fleck im Durchmesser von (gefühlt) einem Meter. Ich muss mal aussteigen und nachmessen. Und ein Foto gibt’s auch noch keins. Fest steht, kostengünstiger wird man kaum eine Ampel einsparen können.

Nun ja, wir tauchen auf unserer kleinen Odyssee tief ein in das englische Landgefühl. Und dann zweigt es nach rechts ab, das Sträßchen zum Coombe Hill. Oben ein Parkplatz, und wir steigen aus und machen uns regenfest. Es gießt nämlich in Strömen. Morgens in London war Bilderbuchwetter, ein wunderbar sonniger Tag mit dekorativen Wölkchen, aber inzwischen hat es zugezogen, und schon seit einer ganzen Weile schüttet es wie aus Kübeln.

Dennoch steht auf dem Parkplatz eine ganze Reihe Autos. Die Briten sind ja legendär wasserfest, zumindest die Hundebesitzer.

Der „View from Coombe Hill“, so der Name des Geocaches, ist doch ziemlich eingeschränkt. Und das Behältnis, das ich vorfinde, ist sicher nicht die Originaldose, sondern die x-te Generation. Egal, ich habe trotzdem Spaß.

Und schon bald sind wir auf dem Rückweg zum Auto.

Dort werden wir zu unserem elterlichen Glück vom Mittagessen empfangen. Elias war im Auto geblieben und hat freundlicherweise Brote nach Maß produziert.

Wir sitzen also im Auto, futtern deutschen Belag auf englischem Brot und sehen dabei dem britischen Landregen zu. Da fährt ein Fahrzeug vor. Ein Eiswagen. Ein Eiswagen!! Das nehmen wir mal als gutes Omen. Als wir unsere Mahlzeit beendet haben, schlappen wir hinüber zum Nachtisch und halten mit dem Eisverkäufer einen sehr netten und informativen Plausch (der Regen legt dabei tatsächlich schon ein Päuschen ein).

Unter anderem erfahren wir, dass sich wenige hundert Meter weiter „Chequers“ befinde, die Sommerresidenz der britischen Premiers. Und just vor Kurzem sei Mr. Donald Trump hier zu Besuch gewesen, da sei hier natürlich alles abgeriegelt gewesen, und unser guter Eismann habe natürlich da kein Eis verkaufen können. Dabei zahle er 7000 GBP pro Jahr für die Genehmigung, hier hinfahren zu dürfen, und dann auch noch so ein Pisswetter wie heute…

Nun ja, zwei Eis ist er immerhin an uns losgeworden – besser als nix. Vielleicht wird das heute ja noch was mit dem Wetter.

Zurück auf der Motorway kommen wir gut voran und arbeiten uns stetig in Richtung Norden vor. Als wir wieder vom Motorway abfahren, ändert sich die Landschaft merklich, und das liegt nicht nur daran, dass inzwischen tatsächlich die Sonne rausgekommen ist. Die Straße schlängelt sich ausgesprochen pittoresk durch das sich nun deutlich hügeliger aufbäumende Gelände.

Und da sehen wir Felsen auf dem Hügelkamm vor uns – das müssen die Roaches sein, vornedran Hen Cloud.

Dort habe ich eine sehr schöne, abwechslungsreiche Wanderung im Visier, einen Peak-District-Klassiker – ein Rundweg über die Roaches nach Lud’s Church und zurück mit einem Schlenker über Hen Cloud.

Allerdings ist es inzwischen schon 18 Uhr; wir werden die Tour zu Elias‘ übergroßem Bedauern auf ihren Kern einstampfen müssen. Damit wird auch der Parkplatz verlegt. Start ist nun ganz in der Nähe von Lud’s Church, einer eindrucksvollen Schlucht, welche mit der Artussage in Verbindung gebracht wird.

Das Licht ist inzwischen echt toll!

Kurz vor dem Erreichen des Parkplatzes passiert’s: Wir werden von der Polizei angehalten. Äh, wie jetzt?!?

Es stellt sich heraus, dass die auffallende Feuerwehrpräsenz auf den letzten Kilometern einen Grund hatte. Auf der Rückseite unseres Hügelzugs tobt justamente in der Gegend von Lud’s Church ein Waldbrand. Und wir werden aufgefordert umzudrehen („There are lots of other nice places to walk around here.“). Die Gefahr, vom Rauch erwischt zu werden und in Atemnot zu geraten, sei einfach zu groß.

So ein Mist!!! Aber was willste machen.

Also drehen wir um.

Allerdings will mir so gar nicht einleuchten, dass die bei Lud’s Church drohende Gefahr auch Hen Cloud betreffen soll. Hen Cloud erhebt sich grad mal 80 m über unserem Zufahrtssträßchen, und es gibt neben dem gemütlichen Normalweg außenrum auch einen Direttissima-Zustieg. Ich denke mir so: Es kann doch echt nicht lange dauern, da kurz hochzustratzen, sich einmal ringsum umzusehen und geradewegs wieder hinunter zu hechten.

Die anderen beiden finden meinen Gedanken glaub echt bescheuert, lassen mich aber gewähren. Wir parken das Auto also am Fuß des kleinen Pfades direkt unterhalb des Gipfels in einer kleinen Parkbucht, welche von unseren Freunden und Helfern (die uns ja gerade des Hügels verwiesen haben) nicht grad einzusehen ist, und ich laufe los. Rainer geht solange entlang der Straße auf Fotopirsch.

Mein Weg gefällt. Er zieht durch Heide und entlang von Felsen einfach geradeaus der Schnauze nach hoch.

Oben mache ich’s genau so wie geplant: Ich sehe mich kurz um, und dann steche ich auch schon wieder runter.

Das Ganze hat, wie ich meiner skeptischen Familie anhand meiner Bilddaten beweisen kann, keine halbe Stunde gedauert.

Fest steht, ich war zu schnell, denn Rainer ist noch unterwegs…

Ich suche mein bestes Stück die Straße hoch, ich suche die Straße runter. Bergab begegnet mir ein älterer Herr mit Hund, der meint, er habe Rainer grad noch ein Stückchen unterhalb gesehen. Ich also wieder hoch, das Auto holen und den Mann meines Herzens weiter unten einsammeln. Aber da isser nich, nirgends nicht zu sehen. Was nun? Besser, ich fahre wieder hoch zum Parkplatz, da findet er mich wenigstens, wenn  schon nicht umgekehrt.

Und grad, als ich wieder bergauf fahre,…

… kommt mir die Polizei entgegen…

Zum Glück kann ich den beiden Officern glaubhaft vermitteln, dass ich zurück zum Parkplatz muss, um meinen Mann, der ganz legal auf der Straße unterwegs ist, und das weitab des Feuers, bei Gelegenheit einzusammeln. Worauf die Polizei nickt und nachschiebt:

„If we find him, we’ll bring him to you.“

Ach du Sch…, das wär der Knaller. Rainer zurückgekarrt von einem örtlichen Streifenwagen.

Aber leider kommt es dann doch nicht zu dieser Szene, denn mein Mann kommt uns wenige Minuten später zu Fuß entgegen. Die Polizei war grad schon wieder mit der Zurückweisung des nächsten Wanderwütigen beschäftigt gewesen, als er sie passiert hatte.

Hier eine kleine Auswahl der Bilder, die Rainer uns mitgebracht hat:

Ich lade meinen lieben Mann ein, und wir fahren los, zurück auf die normale Straße. Als wir a) die Polizisten und b) den alten Mann mit dem Hund unterwegs passieren, winken sie uns alle freundlich grinsend zu…

Noch rund eine Stunde haben wir zu fahren bis zu meinem designierten Campingplatz für die Nacht. Bald sehen wir links das Feuer, dass uns heute einen Strich durch die Rechnung gemacht hat.

Ansonsten gestaltet sich die Tagesreststrecke ereignislos, aber mit viel Fahr- und Schauspaß.

Schließlich erreichen wir die Zufahrt zu unserem Abendasyl.

Wir haben sofort gute Laune. Da das hier einfach die Zufahrt zur Rowter Farm ist, die eine Wiese als Zeltplatz zur Verfügung stellt, und keine Durchgangsstraße, halten wir mitten auf der Straße an und dokumentieren das absolut goldene Abendlicht, das die sanften kahlen Hügel ringsum verzaubert.

Nein, der Anschein trügt. Rainer hat da nicht etwa meine „goldenen Hügel“ fotografiert. 😀 Dem Bild oben ging dieses unmittelbar voraus:

Wir biegen ums Eck und erspähen die Farm.

Total chillig, oder!?!

Das rechte Schild hier habe ich für Simeon, unsere Eiervernichtungsmaschine, fotografiert.

Rowter Farm Camping ist eine rustikale Angelegenheit. Gefällt mir gut. Einfach ein Feld neben einem Bauernhof. Beim Hauptgebäude gibt es WCs, Duschen (1 GBP für 3 Minuten fetten heißen Wasserstrahl), eine Abwaschmöglichkeit und sogar einen Miniladen für das Allerallernötigste. Ich habe so das Gefühl, hier verirren sich nicht gerade Massen von Deutschen hin – wie auch.

Die Lage ist jedenfalls toll; wir sollten das Auto hier einen Tag stehen lassen und alle Pläne für morgen direkt zu Fuß erledigen können.

Wir kochen im Bus, da ein frischer Wind aufkommt.

Dabei werden wir noch mit einem Sonnenuntergang direkt hinter unserem Platz verwöhnt. Herz, was willst du mehr.

ZWEI-TAGES-VLOG – London und weiter

2018-08-17T08:55:39+02:00

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Sonja

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