Großbritannien – Tag 5: Peak District – Castleton

Mentale Notiz: Stelle deinen Camper nie direkt neben einer zeltenden Gruppe britischer Damen ab. Die waren lustig, und zwar extrem laut und extrem ausdauernd. So friedlich die Zeltplatzwohngemeinschaft abends gewirkt hatte – mit dem Einbruch der Dunkelheit erwachten die auf der Farm zu mietenden Feuerkörbe zum Leben, und damit auch der Partygeist unserer Nachbarinnen. Um halb drei hatte noch eine von ihnen johlend direkt hinter unseren Bus gepinkelt  (so jedenfalls meine akustische Analyse), danach war zumindest ich eingeschlafen…

Aber der Morgen begrüßt uns mit Sonnenschein und den hofeigenen Schafen, die direkt zwischen den Zelten über den Platz schlendern, und so ist die Welt wieder in Ordnung.

Entgegen der gestrigen Depri-Wettervorhersage für den heutigen Tag werden wir unsere geplante Wanderung wohl durchführen können.

Meine Idee war eigentlich gewesen, direkt vom Zeltplatz loszulaufen. Das wäre auch möglich gewesen, aber wir entscheiden dennoch, den nahegelegenen offiziellen Startpunkt mit dem Auto anzufahren, weil wir vorher noch ein paar Lebensmittel einkaufen und die nicht den ganzen Tag mitschleppen wollen.

Die kurze Anfahrt ist schon mal super! Es geht über/durch Winnat’s Pass hinunter in den kleinen, aber schicken Ort Castleton.

Castleton ist ein sehr schmuck herausgeputztes Örtchen, wie immer mit zahllosen Pubs und Tea Rooms.

Die Bäckerei hat eine riesige Auswahl an salzigen (wie den unvermeidlichen süßen) kleinen Stückchen parat. Hab leider kein Bild gemacht, aber wir decken uns reichlich ein. Und da die Dinger entgegen ihrem Anschein ganz schön stopfen, werden wir noch morgen gut daran zu essen haben.

Dann fahren wir ein Stückchen zurück, hinauf zum Parkplatz an den Speedwell Caverns. Online habe ich dort „Early Bird Tickets“ erworben – wer früh kommt, zahlt weniger.

Der Einlass geschieht in Schüben, denn nun geht es unter die Erde, und zwar nicht irgendwie, sondern per Boot. Und der zu befahrende Kanal ist derart eng, dass zwei Boote nur an der einzigen Ausweichstelle aneinander vorbei kommen.

Hier macht unser Guide das Boot für uns bereit.

Ich habe seinen Namen vergessen, aber wie schon Giles in London ist auch dieser Führer ausgesprochen unterhaltsam. Zwar fallen ihm seine Geschichten und Kalauer mit Sicherheit nicht spontan ein – er hat seinen ganzen Text auswendig gelernt -, aber das ändert nichts daran, dass er zum Schießen komisch ist.

Wir befinden uns hier in einer ehemaligen Bleimine. Unter erbärmlichsten Umständen haben die Arbeiter, Erwachsene wie Kinder, hier einst gearbeitet. Die damalige Zeit wird uns vor Augen gemalt, während unser Führer permanent damit beschäftigt ist, das von hinten motorbetriebene Boot daran zu hindern, rechts oder links an die Wand zu dotzen.

Nach etwa einer halben Stunde (!) in der nur schwach ausgeleuchteten Finsternis kommen wir bei „The Big Pit“ an und steigen aus. Das Umfeld zu dokumentieren, ist schwierig. Hier exemplarisch der Blick nach oben. Hab vergessen, was das weiße Zeugs genau ist…

Als das Nachfolgeboot angekommen ist, seine Passagiere abgeladen und uns aufgenommen hat, geht es denselben Weg durch die Finsternis zurück ans Tageslicht.

Draußen angekommen, können wir nun aber wirklich direkt am Parkplatz starten, denn der Rundweg, den wir gehen wollen, führt genau daran vorbei.

In England gibt’s ja überall Mäuerchen, also muss man in der Regel, um irgendwo zu laufen, erstmal über ein Mäuerchen drüber oder durch ein Tor durch oder wie in diesem Fall beides direkt hintereinander.

Kaum ist man über die Mauer gekraxelt, zack, ist man mitten im Grünen.

Der Pfad steigt an; wir müssen jetzt erstmal die paar Höhenmeter hinauf nach Mam Tor erklimmen.

Ihr seht, vorbei geht’s wie immer an Schafen. Und an Mauern, davon hatte ich’s ja schon. Die Mauern dienen meiner Beobachtung nach unter anderem als praktische Schafabsturzsicherung so wie hier:

Im Falle des rechten Bildes schützt der Steinmauerring wohl davor, dass man im Sumpf verschwindet.

Wir touchieren kurz die kleine Verbindungsstraße ins Edale Valley; da beginnt der gepflasterte Schlussaufstieg hinauf auf Mam Tor, den „Mutterhügel“ – so benannt, weil zahlreiche Erdrutsche auf seiner Ostseite zur Entstehung von einer Landschaft von Minihügeln geführt haben.

Was Rainer da wohl gerade fotografiert?

Am Gipfel von Mam Tor angekommen, ist es Mittagszeit. Überall liegen unsere Mitwanderer im Gras und chillen. Wir tun es ihnen gleich.

Nach einer ausgiebigen Pause und wohlgesättigt von den britischen Backwarenteilchen ziehen wir schließlich weiter. Der Weg f!olgt nun längere Zeit dem runden Graskamm, der in einem Halbbogen um Castleton im Tal herumzieht. Das Gelände lädt absolut dazu ein, Elias‘ Drohne starten zu lassen!

Leider ist es dann doch etwas zu windig, so dass es nur einen kurzen Einblick aus der Luft gibt.

Wir schlendern also weiter.

Kurz danach verabschiedet sich Elias von uns und steigt ab zum Auto. Er wird uns nachher per WhatsApp berichten:

„Hab mal wieder mein perfektes Englisch ausgepackt  😆 hab mich voll verlaufen und jtz gefragt :lol:“

Rainer und ich gehen den Kamm noch vor bis zum Ende. Der mittlere der drei schwach ausgeprägten Gipfel unterwegs weist interessanterweise irgendwie anderes Gelände auf als die anderen beiden. Sieht für mich irgendwie mediterran aus.

Dann geht es an den (gemütlichen) Abstieg hinunter nach Castleton.

Umgekehrte Blickrichtung (rückwärts bergauf):

Als wir tiefer kommen, tauchen wir aus der Welt der kahlen Grashügel wieder ein in die der Bäume.

Und wer hätte es gedacht, wir finden unterwegs auch nochmal ein paar Schafe. Fotograf und Model:

Unten in Castleton angkommen, erlebe ich ein Flashback zurück zu einer Kindheitserinnerung an einen Sommerurlaub mit der Familie in England. Drum trete ich in einen Laden ein. So schaut’s da aus:

Und ohne ein Stückchen Pistazien-Mandel-Fudge im Gepäck ist aus dem Laden auch gar kein Wiederrauskommen. 🙂

Dann geht Rainer zurück zum Auto. Er hat genug für heute und will Elias aufgabeln und mit ihm zum Campingplatz zurück. Ich dagegen möchte noch Peak Cavern besuchen, für das wir (mit Speedwell Cavern heute morgen) eine Kombikarte haben, dann aber vor allem auch noch durch Cave Dale, eine kleine Schlucht, zu unserem oberhalb von Castleton gelegenen Platz zurücklaufen.

Erstmal also in die Höhle. Der Zugang erfolgt direkt von Castleton aus in Richtung einer kurzen steilen Schlucht.

Peak Cavern hat wohl den größten Eingangsbereich aller Höhlen in England. Da findet heute Abend sogar ein Konzert drin statt; ihr seht im unteren Bildbereich die Bestuhlung.

Auch diese Höhle kann nur im Rahmen einer Führung besichtigt werden. Und wieder versteht der junge Führer sein Handwerk und weiß allerhand Interessantes und Launiges zu berichten. Beispielsweise wurde für Queen Victoria, die gleich zweimal hier war, nach ihrem ersten Besuch extra ein Umgehungstunnel freigesprengt, damit sie beim zweiten Besuch noch bis zu einer großen Kammer weiter vordringen konnte. Noch witziger finde ich aber, dass von den zahlreichen Filmen, die in Peak Cavern gedreht wurden, fast jede Filmcrew am Ende der Dreharbeiten irgendwas in der Höhle „vergessen“ hat. Die Requisiten reichen von einer überlebensgroßen Statue (!) bis hin zu dieser Rutsche, die in einer der Narnia-Verfilmungen von C.S. Lewis benutzt wurde.

Der Gipfel der Kuriosität ist allerdings zweifellos, dass für die Narnia-Filme etwas in die Höhle gebracht wurde, das dort als fehlend erachtet wurde. Ihr erratet nie, was das wohl sein mag. Nur zur Klarstellung, in einer Höhle sieht z.B. so aus wie hier:

Und woran fehlt es da offensichtlich? Ja genau, an Felsen.

Die Narnia-Filmcrew hat rund 150 künstliche Felsen in die Höhle gebracht, um diese felsiger aussehen zu lassen!?!

Und von den 150 Felsbrocken hat sie am Ende nur rund 100 Stück wiedergefunden :D, so dass immer noch 50 Stück herumliegen. Und so kommt es, dass die zahlreichen Höhlenforscher, welche diese berühmte Höhle aufsuchen (z.B. auch Experten, die hier für das Training von Höhlentauchgängen ideale Bedingungen vorfinden), wenn sie Stellen touchieren, welche der normale Touristenbetrieb nicht berührt, plötzlich „einbrechen“, weil sie sich auf einem Stück Höhlenfelsplastik abzustützen versucht haben…

Sodele, auch diese Höhle war interessant. Man könnte ja meinen, kennt man eine Höhle, dann kennt man sie alle, aber das ist ein großer Irrtum, wie ich immer wieder feststelle. Mit Büchern oder mit Bergen ist es ja auch nicht anders. 🙂

Ich verlasse die Höhle und wende mich Cave Dale zu, der anderen Schlucht, die östlich des oberhalb von Castleton gelegenen Peveril Castle emporzieht. Die Schlucht ist nicht so tief eingeschnitten, aber landschaftlich sehr schön. Davon einfach ein paar Eindrücke:

Oben raus treffe ich auf einen Feldweg. Durch ein Weidetor – ich präzisiere: neben einem Weidetor über die Fußgängertreppe ein Mäuerchen hinauf und jenseits wieder hinab – an diesem schönen Baum vorbei…

…geht es über die Felder. Immer wieder ist auf den (privaten) Feldern ein „Public Footpath“ ausgeschildert, ein öffentliches Begehungsrecht also, einschließlich der unvermeidlichen Mauerüberwindungsauf- und -abstiegshilfen.

Ich treffe auf eine verirrte britische Familiengruppe, die mich nach dem Weg zu Rowter Farm fragt. Kein Problem, schließlich kenne ich mich hier aus ;-). Nett irgendwie, dass irgendwelche Engländer vorhin Elias den Weg gewiesen haben und ich mich nun quasi beim englischen Volk revanchieren kann. 😀

Kurz vor der Farm sehe ich Mama Schaf mit ihren zwei Kleinen. Und ich werde meinem familieninternen Ruf als „Schafflüsterin“ gerecht und dokumentiere für euch das doppelte Lottchen:

Das war’s dann auch an heutigen Heldentaten. Zurück am Bus wird geduscht (1 GBP für 3 Minuten fetten, heißen Wasserstrahl) und gekocht. Wir haben die Gelegenheit genutzt und sind, da wir das Auto entgegen des ursprünglichen Plans ja doch bewegt haben, von den britischen Partydamen weggezogen und haben uns anderswo platziert. Da ist es diese Nacht echt ruhig. Liegt aber vielleicht auch daran, dass der einsetzende britische Landregen nicht so partytauglich ist.

Weitere Änderung im Vergleich zu gestern: Ich schlafe heute Nacht probeweise unten. Elias behauptet, seine Isomatte sei undicht. Also zieht er hoch unters Dach auf die Matratze, und ich prüfe mal den Wahrheitsgehalt seiner Proteste.

ZWEI-TAGES-VLOG – York und weiter

2018-08-17T20:51:56+02:00

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Sonja

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