Großbritannien – Tag 7: North York Moores – die Küste

Bayness Farm Camping hat seine E-Mail-Adresse “The dark place ltd.” völlig zu Recht: Es ist hier dark, dunkel. Keinerlei Lichter weit und breit – ein berühmter Platz für Sternenfotografie, aber es ist eh bewölkt, so dass wir nicht in Versuchung kommen, uns die Nacht um die Ohren zu hauen. Es ist aber nachts nicht nur dunkel, sondern auch absolut still. Ein echt friedlicher Platz, der mir ausnehmend gut gefällt (mit Abwaschplätzen mit heißem Wasser, einfachen, aber sauberen Sanitänanlagen sowie kostenfreien Duschen. Was braucht man mehr???)

Wir haben gefragt, und da wir den Platz erst auf 13 Uhr verlassen müssen, können wir alles stehen lassen und begeben uns zu Fuß hinunter nach  Robin Hood’s Bay. Es geht erst einen Farmweg, der auf meinen Karten nicht verzeichnet ist, den Hang hinunter, und dann stößt man auf den „Cinder Track“, den Aschepfad, eine ehemalige Bahnstrecke, die heutzutage durchgehend als Radweg ausgebaut ist. Auf dem Cinder Track hat man zwar jetzt nicht so die dolle Aussicht, die ist auf dem direkt an der Klippe verlaufenden Fußpfad „Cleveland Way“ um Welten besser, aber egal, wir erreichen jedenfalls flott und ohne jeden Autoverkehr in einer Viertelstunde die ersten Häuser von Robin Hood’s Bay.

Robin Hood’s Bay ist ein ehemaliges Schmugglernest. Die Häuser oben am Hang, wo wir heute rauskommen, gehörten einst den Reichen und Schönen, während ganz unten, nahm am  Wasser, die Fischer und Schmuggler wohnten. Wir nähern uns dem unteren, super-urigen Teil des Ortes.

Hier kleben die Häuser dicht an dicht und kreuz und quer, und zwischen ihnen verlaufen „Wege“, die durchweg wie Privatzugänge zu Häusern aussehen. Doch es stellt sich heraus: Das sind die Straßen. Größer wird’s nicht. Die engen Gassen winden sich zwischen den Häusern durch, dass es eine wahre Freude ist (Bilderstrecke bei Bedarf einfach durch Anklicken vergrößern).

Und was mich total fasziniert: So eng es hier auch zugeht, jedes zweite Haus scheint doch eine Terrasse oder ein winziges Gärtchen oder sowas in der Art sein eigen zu nennen. Das ist alles schon ausgesprochen schnuckelig!!

Immer wieder sind mir in England Schilder aufgefallen, die vom britischen Humor zeugen. Heute morgen, als wir am Campingplatz an der Rezeption vorbei kamen:

Nachmittags in Whitby im Schaufenster eines Friseurs:

Und hier in Robin Hood’s Bay an einem Laden, der – ja, was denn eigentlich?? – verkauft:

Als ich die Inhaberin frage, ob ich ein Foto machen darf, lächelt sie, bejaht und kommentiert:

„You might like to take a picture of my opening times too.“

Interessantes Geschäftsmodell…

Ganz unten geht Robin Hood’s Bay direkt in den Strand über.

Der Strand ist jetzt nicht sonderlich attraktiv, zumal bei Ebbe und dem düsteren Wetter. Momentan ist es trocken, immerhin, aber der Nebel schwappt hin und her, und so toll sieht das nun mal nicht aus. Aber a propos Nebel, der kam den Schmugglern bei ihren nächtlichen Aktivitäten einst sehr zugute. Das Übersichtsschild informiert:

Wir sehen uns im Ort noch um, und als wir meinen alles gesehen zu haben, wenden wir unsere Schritte wieder bergauf, Bayness Farm zu.

Wir machen noch einen kleinen Abstecher zu einem Aussichtspunkt über den Ort, aber bei dem trüben Wetter – nun ja, urteilt seibst.

Zurück am Campingplatz erspähe ich den Besitzer, Andy. Das ist schon echt ein Charakter. „Quirky“ würde ich ihn auf Englisch nennen – ein Wort, für das mir das deutsche Pendant fehlt. Irgendwie habe ich schon so ein Gefühl und schieße ein herangezoomtes Handyfoto.

Andy trägt wie schon gestern, als er mich an der Rezeption empfing, ein weißes Hemd, das vielleicht irgendwann auch wirklich mal weiß war, jetzt aber ist es mit den abenteuerlichsten Flecken besprenkelt. Außerdem trägt er Vokuhila, aber wie. Hinten brustlang.

A propos Brust: Ich frage Andy, ob ich ein Foto von ihm machen darf, und – wie vermutet – er will das nicht, nicht mit seinem Gesicht, also frage ich, ob’s ok ist, wenn  ich ihn an der Brust, „breast“, abschneide, was natürlich ein sprachlicher Fauxpas ist, denn schließlich hat er als Mann keinen Busen, sondern unterhalb des Kopfes kommt sein „chest“. Immerhin: er lacht. Von seinem Chest abwärts ist’s ok, und die Katze kann auch mit drauf.

Ich war ziemlich stolz darauf gewesen, diesen coolen Campingplatz überhaupt entdeckt zu haben, auf www.pitchup.co.uk glaub ich. Aber Andy kommentiert, es kämen gar nicht so wenige Deutsche, denn er sei einer der ersten Plätze nach der Fähre von Calais nach Hull. Nur kämen die Leute spontan vorbei, und das stelle ihn immer wieder riesige Probleme, denn große Wohnwagengespanne würgten sich die Zufahrtsstraße zu ihm entlang, nur um festzustellen, dass er womöglich gar keinen Platz für sie habe, und das Wenden sei auch quasi unmöglich, wenn der Platz einmal voll sei. Man solle ihn doch bitte einfach erst per Mail anschreiben und sich erkundigen, ob was frei sei… Ein Appell, den ich an dieser Stelle gern weitergebe.

A propos Appelle: Bei unserer Ankunft gestern hatte Andy an uns appelliert, wir sollten uns bloß vom abschüssigen Gras fernhalten, denn:

„Those VWs, they only need to SMELL wet gras and they start sliding!”

Er war dann ganz beruhigt, dass wir immerhin einen Allrad fahren.

Jedenfalls können wir noch ganz in Ruhe bei Andy duschen, ehe wir ein paar Kilometer weiter fahren nach Whitby. Dort habe ich einen (ganz) anderen Campingplatz für eine Nacht ergattert. Dieser ist wieder mal strategisch gelegen, denn heute Nacht soll auf dem Meer vor Whitby im Rahmen der „Whitby Regatta“ ein Feuerwerk stattfinden, von dem ich  mir erhoffe, dass wir es direkt vom Zeltplatz aus verfolgen können.

Zunächst aber erledigen wir einen kleinen Einkauf, und da wir dann schon mal da sind, fahren wir hinunter in Whitbys Ortskern. Und da trifft einen der Schlag. Menschenmassen, wohin das Auge reicht. Ein totales Irrenhaus.

Gut, dass es wegen der Regatta ein paar Leute mehr haben wird als sonst, das war schon klar. Aber sowas!!!!?!? Gut, dass Simeon nicht da ist; der wäre rückwärts schreiend davongerannt.

Uns aber ergeht es ähnlich. Der Ort ist gestopft voll, das törnt ab, aber sowas von.

Whitby ist wohl eigentlich sehr nett und hat auch einen Altstadtkern, zu dem wir heute aber gar nicht vordringen. Es ist schon (späte) Mittagessenszeit, also wühlen wir uns durch die Massen und suchen was zu futtern, aber das war’s dann für heute auch mit unseren Whitby-Ambitionen.

Was mich betrifft, ich habe ein klares kulinarisches Ziel, und zwar Fish & Chips (einmal muss das schon sein), und zwar nicht irgendwo, sondern (wieder) beim Schauplatz einer Kitchen-Impossible-Schlacht, dem Quayside. Das Quayside befindet sich direkt an der Amüsiermeile Whitbys. Hier erstmal zum Kulinarischen:

Und, wie waren die preisgekrönten Fish & Chips?  Ganz ok. Aber es fehlte definitiv überall Salz.

Gut, da haben wir / habe ich einen kapitalen Anfängerfehler gemacht, wie wir später feststellen, denn scheinbar wird solches Essen immer komplett salzfrei serviert, und man fügt Salz (und eigentlich Essig) nach persönlichem Geschmack selbst hinzu. Hab ich aber nicht gemacht, da nicht gewusst. Und entsprechend hat’s auch geschmeckt. Wobei die auffallend knusprige Backware, welche den Fisch umgab, schon sehr positiv dadurch auffiel, dass sie sehr unfettig schmeckte.

Und für alle, die sich fragen, was das grüne Zeug ist: Mushed Peas, Erbsenmatsch. Kann man, muss man aber nicht.

Zum Essen setzen wir uns auf die Kaimauer – gerade läuft ein Ruderrennen, aber kaum hat’s angefangen, ist es auch schon wieder vorbei.

Dann schlendern wir vor bis die eigentliche Hafenmauer beginnt. Ein Rummelplatz ist das hier. Keine Ahnung, ob all die quietschebunten „Atraktionen“ immer aufgebaut sind oder nur für die Regattatage, aber die Gesamtansicht mit der Klosterruine Whitby Abbey im vernebelten Hintergrund oben am Berg ist schon ausgesprochen skurril.

Der Badestrandabschnitt von Whitby sieht besser aus als der von Robin Hood’s Bay, aber das mag auch daran liegen, dass gerade Flut ist. Dennoch grüßt auch hier ein Fahrgeschäft von oben auf den Klippen herab.

Um den Menschenmassen etwas aus dem Weg zu gehen, wandern wir „oben rum“ zum Auto zurück. Dabei gibt’s nochmal Nebelruinenblick…

… und ein echt preiswertes Eis, das dieses Mal Rainer aufgespürt hat. Ein Magnum für ein Pfund, wo gibt’s denn sowas!

Von Whitby haben wir genug und fahren die paar Minuten hoch zum oben an der Klippe gelegenen Campingplatz „Whitby Holiday Park“. Das ist mal ein „richtiger“ Campingplatz mit Infrastruktur. Sowas meiden wir ja normalerweise, aber heute passt das, denn da gibt es einen Waschsalon und wie erwähnt hoffentlich abends Feuerwerksblick.

Das mit der Wäsche ist zwar noch nicht wirklich nötig, wir haben alle noch genug Unterhosen ;-), aber egal, heute passt das gut rein, denn wir haben Zeit. Elias nimmt sich dieses Projektes an. Die Wäschetrommeln sind absolut gigantisch, so dass wir, als alle Dreckswäsche drin ist, am Auto noch drei Jacken (darunter zwei fette Fleecejacken) holen und mitwaschen, einfach, weil wir können.

In der Zwischenzeit entschließen Rainer und ich uns dazu, den bereits erwähnten Cleveland Way, der direkt durch den Campingplatz verläuft, zu nutzen, um vor zur Abbey zu laufen. Der Weg führt auch in Richtung Süden, z.B. nach Robin Hood’s Bay, aber wir wollen uns gern die Ruine aus der Nähe ansehen.

Der Cleveland Way ist schön angelegt, ein kleiner Pfad immer wirklich direkt am Abgrund entlang. Aus guten Grund befindet sich links und rechts ein Zaun, denn es geht stellenweise absolut senkrecht runter.

Der Nebel kommt und geht.

Wir arbeiten uns schnell zur Ruine vor, es sind auch nur rund 1,5 km Wegstrecke.

Der Versuch, dem Ganzen näher zu kommen, verläuft zunächst über eine große Wiese, von der aus man einen Blick über die Dächer von Whitby hat. Vorne dran befindet sich aber noch ein alter Friedhof, von dem aus man vermutlich besser wirklich runter auf den Ort blicken kann.

Unsere Umrundung führt uns weiter über das Gelände der angrenzenden Jugendherberge. Die Jugendherberger hier sind immer wieder ausgesprochen schick anzusehen (oft in historischen Gebäuden untergebracht), aber die Übernachtungen dort sind nicht gerade preiswert, so dass wir am Ende gar keine nutzen werden.

Vom Garten der Jugendherberge aus sieht man die Ruine schon ganz gut, aber es stellt sich heraus, dass man, um hineinzukommen, Eintritt zahlen müsste, und das ist es uns jetzt nicht wert. Wir begnügen uns also mit den bisherigen Bildern, nutzen die Mauer aber noch für ein Portrait:

Dann geht es durch die Nebelschwaden zurück zum Zeltplatz. Wobei, vom Meer her zeichnet sich eine leichte Wetterbesserung ab. Das wäre sehr cool, denn Feuerwerk bei Nebel ist erfahrungsgemäß total unprickelnd.

Zurück am Stellplatz empfängt uns Elias mit einem Sack voll fluffig-warm-weicher Wäsche. 1a!!

Und beim Abendessenkochen stellen wir fest: Tatsächlich, der Nebel löst sich auf. Hier die Fernsicht direkt vom Platz auf die Abbey:

A propos Abbey: Ich habe in Erfahrung gebracht, dass das Feuerwerk um 21.45 Uhr startet, aber nicht auf dem Meer, sondern unten am Hafen von Whitby. Man solle also am Besten vor zur Abbey laufen.

Weswegen wir den Weg dorthin also nach dem Essen erneut antreten, dieses Mal aber zu dritt. Beide Jungs sind mit Stativ und allem Gedöns ausgerüstet. Ich hab mein neues Handy, dessen Bildstabilisator meinem filmenden Sohn immer wieder Respekt abnötigt.

Rainer verlässt uns unterwegs auf halber Strecke. Er will versuchen, Ruine und Feuerwerk in denselben Bildausschnitt zu kriegen – ein Vorhaben, das total in die Hose gehen könnte, da wir ja nicht genau wissen, wo die Raketen überhaupt hochgehen werden.

Hier einige Ergebnisse seiner Bemühungen. Erstmal die Ruine noch „ohne“:

Und dann „mit“:

Parallel dazu haben Elias und ich unsere Plätze an der Unterkante des alten Friedhofs eingenommen. Offenbar sind wir da richtig, denn wir sind da nicht allein. 😉

Elias richtet seine Kamera wie der Engländer neben ihm auf die rechte Hafenmauer aus. Und in der Tat, bewacht von zwei Polizeiautos geht’s genau von da aus los.

Mit den Lichtern der noch immer im Betrieb befindlichen Fahrgeschäfte…

… leuchtet das Feuerwerk um die Wette. Entscheidet bitte selbst, was euch am Besten gefällt!

Gerade die riesigen Lichtkugeln sind überaus eindrucksvoll, wie sie den Himmel erhellen. Sie scheinen uns manchmal geradezu einzutauchen in Farbe. Aber nicht nur uns, sondern auch unser Umfeld. Hier ein paar Handyaufnahmen:

Als der ganze Spuk nach einer Viertelstunde vorbei ist, beginnt er erst so richtig, denn nun strömen die Massen kreuz und quer durch den Friedhof nach Hause. Das ergibt live schon ein ziemlich abgefahrenes Bild!!

Elias verhilft mir mit seinem Stativ noch zu einem letzten Ruinenbild…

… und dann pilgern wir durch die Dunkelheit zurück zum Zeltplatz, immer schön darauf bedacht, nicht links die Klippen hinunter zu stürzen. 🙂

Das war ein sehr schöner Ausklang für diesen Tag, und es war eine große Freude, dass das Wetter am Ende doch mitspielte.

Kleiner Nachtrag: Englische Partydamen kannten wir nun ja schon. Es geht aber noch schlimmer bzw. anders schlimm: mit nächtlichem völlig talentfreiem Teenagerkaraoke. Der Vorteil war, die machten anstatt um 3 bereits um 23.30 Uhr Schluss…

ZWEI-TAGES-VLOG – Ostküste und weiter

2018-08-19T22:37:14+01:00

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Sonja

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