Großbritannien – Tag 10: Lake District – Derwentwater & Tarn Hows

Die Nacht…

…war wie unter den Umständen zu erwarten war. Unruhig. Mal wasserfrei und still, dann wieder tobte ein Sturm los, dass alles zu spät war. Es kam, wie es kommen musste: Mitten in der Nacht standen wir beiden Oldies draußen und holten die Markise ein, die mitsamt der daran befestigten nassen Wäsche davonzufliegen drohte, übrigens ohne dass Elias von der ganzen durchaus lautstarken Aufregung auch nur einen Krümel mitbekam.

Und am nächsten Morgen:

Frechheit. Der ganze Dreckszeltplatz tat so, als könne er kein Wässerchen trüben. Und wie zum Hohn ist fast all unsere Wäsche durch den Wind so leidlich trocken geworden, einschließlich der Schuhe, die wir unter dem Auto gelagert hatten.

Nun kann man auch den Wasserfall mal richtig sehen, der ungeheure Mengen an Nass hinunterschmeißt. Das kommt auf dem Bild gar nicht raus, aber allein der Krach war nachts ausgesprochen eindrucksvoll.

Für einen kurzen Moment glaube ich daran, dass wir heute tatsächlich zum Scafell Pike aufbrechen können. Aber die Wolken, die sich hier in der Rückscheibe spiegeln, treiben mit großer Geschwindigkeit über uns hinweg, und wenige Minuten später regnet es schon wieder. Das Wetter gibt nun, bis wir mit dem Frühstück durch sind, ein munteres Bäumchen-wechsel-Dich. Und mir wird klar: Das wird nix.

Da fährt der Bauer (den wir gestern gar nicht zu Gesicht gekriegt haben) mit seinem Landrover vor und fragt sinngemäß, ob wir die gestrige Sintflut gut überlebt haben. Und wir fangen ein Schwätzchen an, denn siehe da, er ist sehr nett. Und selbst er ist der Meinung, es sei kein guter Tag, um Scafell Pike auf die Pelle zu rücken. Überhaupt sei hier die nasseste Region Großbritanniens und die wirklich guten Tage könne man quasi an einer Hand abzählen.

Ich erzähle was von meinem Plan B, der vorsieht, entweder Castle Crag oder aber die Catbells oberhalb des Derwentwater Lake zu besteigen, beides sehr beliebte Touren. Da meint er, er habe einen viel besseren Vorschlag. Und er nimmt sich die Zeit, mir mit warmen Worten eine Wanderung auf der anderen Seite des Tales nahe zu legen und auf der Karte zu zeigen: von Stonethwaite aus hoch zu Dock Tarn, dann hinüber und hinunter zum Watendlath Tarn, hinauf auf Brund Fell und von dort aus wieder zurück zum Start. Das sei eine ganz wunderbare, abwechslungsreiche Tour und man treffe da so gut wie niemanden.

Das klingt toll!!! Und es wäre auch bedeutend kürzer als Scafell Pike (eine klare Ganztagestour). Also frühstücken wir, packen zusammen und fahren die paar Kilometer hinüber zum Startplatz der Tour.

Doch als wir da einrollen, regnet es schon wieder. Und überhaupt, der Himmel verspricht einfach keine halbwegs stabilen Bedingungen. Und wir sind nun mal ganz klar noch von gestern nässegeschädigt.

Und so stimme ich zu, dass das heute einfach keinen Sinn macht. Aber ganz ehrlich: Fast wäre ich in Tränen ausgebrochen…

Wo das Wetter deutlich besser aussieht, ist nördlich in Richtung Derwentwater, wo wir ja noch eine Rechnung mit dem Bootsverleih offen haben. Fahren wir also dorthin.

Und siehe da, auf den nur rund 10 Kilometern Fahrtstrecke mausert sich das Wetter Stück für Stück, und wir kommen tatsächlich bei Sonnenschein auf dem bereits wohlvertrauten Parkplatz in Keswick an. Und ja, heute fahren die Boote.

Und ja, Elias darf ganz offiziell ans Steuer. Ein Glück, denn das war der Sinn der ganzen Aktion. Ein Teenager im Glück.

Eine Stunde Zeit haben wir auf dem Wasser, länger vermieten sie die Boote gar nicht, und das macht auch Sinn, denn die zulässigen Bereiche des Sees hat man in der Zeit locker abgeklappert. Legal anzufahren ist z.B. Friar’s Crag, wo wir ja gestern bereits zu Fuß waren:

Verbotenes Terrain sind dagegen die vielen Inseln und Inselchen, die den Derwentwater See so interessant machen. Die Inseln sind glaub alle in Privatbesitz. Aber auch vom Wasser aus gibt’s da einiges zu sehen:

Das Wetter? Hält. Auf dem See bleibt es die ganze Stunde über trocken bis sonnig. Ringsum passiert alles mögliche. Dramatische Lichtstimmungen teilweise:

Konsequent düster sieht es in Richtung Süden aus – da, wo wir übernachtet haben und heute eigentlich wandern gehen wollten (zumindest eine von uns ;-)). Da wären wir unter Garantie irgendwann verschüttet worden.

Konsequent gut schaut es dagegen am Catbells-Hügel aus. Das war uns schon gestern aufgefallen. Die haben da offenbar irgend ein anderes Mikroklima, denn der Weg dort hinauf war und blieb beide Tage ungeachtet der Turbulenzen ringsum fast durchgehend sonnig.

Perfekt getimed erreichen wir eine Stunde nach Start wieder die Bootsanlegestelle. Elias vollzieht auf engem Raum ein astreines Rangiermanöver, worauf der junge Bootsbetreuer ihm ein dickes, fettes Kompliment macht. O-Ton:

„Awesome job, dude! Wow, you really know how to maneuver that boat! And believe me, I don’t say that very often… You’re welcome back here any time!!”

Also, wenn das nichts ist!!

Wie aber geht es nun weiter? Zwar wissen wir seit gestern aufgrund eigener Wetterbeobachtung, dass wir ziemlich sicher trocken auf den Catbells-Hügel hinauf kämen, aber irgendwie hat da keiner von uns Lust drauf. Und ringsum spielen sich überall finstere Wolken auf. Also geben wir auf – fahren wir anderswo hin. Rainers Wetterapp verspricht im Süden des Landes Besserung.

Wir brauchen (allein schon für unsere Nerven) heute Nacht einen Zeltplatz mit zumindest rudimentärer Infrastruktur. Und dank meiner heimatlichen Recherchen habe ich da auch einen im Visier – einen vom National Trust betriebenen Platz mit dem Namen „Low Wray Campsite“ am größten britischen See, Lake Windermere. Den fahren wir jetzt mal an.

Einschub: Aus gegebenem Anlass ein Wort zu Google Maps.

Erstens: Google Maps ist doof. Da sind wir in England, und die Dame spricht alle Straßennamen falsch aus, aber wie falsch!! Bis ich auf den Einfall komme, die Sprache auf britisches Englisch umzustellen. Schon besser.

Zweitens: Wer auch immer den Algorithmus programmiert hat, mit dem Google Maps routet – die Streckenwahl lässt nicht nur viele Fragezeichen offen, sondern hier immer wieder auch die Haare zu Berge stehen. Wo die App einen hinroutet!!! Ach du Sch… Legal zu befahren sind diese Straßen zwar, aber nicht nur einmal denken wir: Außenrum wäre es vermutlich schneller und mit Sicherheit weniger nervenaufreibend gegangen.

So ist auch unser Transfer von Keswick zur Low Wray Campsite zwar idyllisch, aber nur für den Beifahrer, denn vom Fahrer ist wieder mal allerhögschde Konzentration gefragt, um nicht vom Gegenverkehr zu Mus gefahren zu werden. Ich hatte ja gelesen, der Engländer an sich fahre rücksichtsvoll. Uns aber kommen immer wieder und überall Fahrer entgegen, die mindestens einen Reifen auf unserer Seite der engen Straße haben und voll Karacho einfach durchziehen, ohne auch nur auf ihre eigene Fahrbahn auszuweichen. Schockierend ist das!!

Aber wir erreichen den Low Wray Campground unbehelligt und unzerkratzt. Es ist halb drei, als wir bei der Rezeption antreten und fragen, ob noch ein Plätzchen für uns frei ist. Und siehe da: Ja, und zwar das letzte! Zeltplätze gibt’s noch reichlich, aber nur noch diesen einen festen Stellplatz. Puh, Glück gehabt. Wir peilen kurz die Lage, wo dieser Platz ist und fahren dann nochmals los ein paar Kilometer weiter. Da ist nämlich Tarn Hows, ein scheinbar sehr schöner kleiner See. Inzwischen ist das Wetter echt besser geworden, ZUM GLÜCK, aber 100%ig sicher, dass wir trocken bleiben werden, sind wir nicht, und so kommt uns gelegen, dass die Tarn-Hows-Umrundung ein echt überschaubares Vorhaben ist.

Wir kommen an, parken das Auto auf dem National-Trust-Parkplatz (die wissen einfach, wo die schönsten Fleckchen sind!!), und laufen hinüber zum See. Und in der Tat: ein richtiger Bilderbuchsee ist das.

Schlagartig haben wir alle gute Laune. 🙂

Die Frage, ob wir rechts oder links rum gehen sollen, entscheiden wir spontan mit links. Da kommt ein Brückchen, und da wiederum beginnt ein Abstecher zu den „Tom Ghyll Waterfalls“. Der Weg dorthin ist sehr schön.

Nach ein paar Stufen bergab erreichen wir ein Wasserfällchen. Auch das ist dekorativ.

Über die genaue Lage des Tom-Ghyll-Wasserfalls bin ich mir nicht im Klaren und über seine Größe auch nicht. Und so kommt es, dass wir nach einer Weile, als sich landschaftlich irgendwie nichts Dramatischeres tut, umkehren. Ist ja aber auch doof, wenn man nicht weiß, ob man einen Wasserfall nun gesehen hat oder nicht… 😉

Zurück am See geht es auf gutem Weg immer grob am Ufer entlang. Uns kommt ein elektrischer Leihrollstuhl entgegen. Die kann man hier kostenlos vom National Trust ausleihen, so dass auch Rollstuhlfahrer die für sie schwierige Rauf-runter-Topographie bewältigen können. Das finde ich eine echt feine Sache.

Und dann erspähen wir links des Weges diesen kapitalen Baum, der eine magische Anziehungskraft ausübt, so dass es zu logischem Fotomaterial kommt.

Und weiter direkt am Ufer entlang.

Wir erreichen das ferne Ende des Sees, und ich schaue mich um. Linkerhand ist ein Hügel zu erkennen, auf den offenbar ein Weg hinaufführt. Und ich erinnere mich, da war doch was. Die Karte verrät es mir: Black Crag.

Es kommt (mal wieder  😉 ) der Punkt, wo wir unseren Teenager mit dem Autoschlüssel aus der gemeinsamen Tour entlassen. Elias hat regelmäßig gaaanz dringende Videoschnittarbeiten zu erledigen, so seine Worte. Er bekommt aber den Auftrag, auf dem Rückweg noch zu dokumentieren, was es zu dokumentieren gibt, da wir nicht sicher wissen, ob wir nachher denselben Weg nehmen werden bzw. ob das Wetter wirklich hält. Hier ein paar Ergebnisse:

Scheint also nicht gar so schlecht gewesen zu sein, der Rückweg.  😀

Wir Oldies beginnen unseren Aufstieg auf Black Crag. Der Weg ist an sich gemütlich. Schnell überblicken wir Tarn Hows, und da kommt auch schon der Gipfel in Sicht. Zwar war’s am Ende nicht der, den man von unten aus gesehen hatte, sondern einer „eins weiter hinten“, was Rainer mit einem leichten Grummeln quittiert. Gut, ich hab mich geirrt. Ich bereue unseren kleinen Ausflug aber natürlich keine Sekunde, denn das Wetter hat sich für den Moment zur Kooperation entschlossen, und die 360°-Aussicht von oben ist einfach klasse.

Richtung Südosten sieht man von hier oben Englands größten (sehr langgezogenen) See, Lake Windermere, an dem auch unser heutiger Campingplatz gelegen ist.

Der Rückblick in Richtung Tarn Hows (Südwesten) zeigt schönes Lichtspiel zwischen Sonne und Wolken auf dem farbigen Untergrund.

Meine absolute Lieblingsblickrichtung aber ist nach Norden. Da folgt direkt auf das Gipfelsteintürmchen eine alte Mauer samt Überstiegshilfe, die sich dekorativ über den Hügel windet, und noch dekorativeren schiefen Bäumen dahinter. Das sieht ohnehin super aus, aber was mich total fasziniert, ist, wie sich mal wieder minütlich mit dem Licht die Stimmung des Ganzen ändert. Das reinste Kino.

Ich kann mich kaum losreißen!

Aber natürlich drehen wir dann doch um. Grob ab der Hälfte des Abstiegs wählen wir einen anderen Rückweg, der uns über eine kleine Hochfläche…

… etwas weiter vorne an den See zurück bringt. Der erstrahlt nun zu allem Überfluss noch im schönsten Lichte.

Es wird Zeit für den Abendmampf. Also fahren wir zurück zu unserem Zeltplatz und kochen. Dabei gibt die Abendsonne auf dem freien Feld direkt hinter uns nochmal ihr Bestes, als wolle sie sich für den misslungenen Morgenauftakt entschuldigen…

Das freut auch Elias… 😉

Rainer und ich beschließen dann noch einen kleinen Abendspaziergang über das Campingplatzgelände zu unternehmen. Das ist nämlich außerordentlich interessant. Der National Trust hat’s einfach drauf! Fängt schon damit an, dass das Waschhaus neben unserem Stellplatz einen richtigen Trockenraum sein eigen nennt. Oh Mann, sowas hätten wir gestern gebraucht!!

Insgesamt ist der Platz absolut nutzerfreundlich angelegt. Trotz seiner beträchtlichen Größe hat man grundsätzlich das Gefühl eines geradezu intimen Settings. Es gibt ganz viele schnuckelige „Privatbuchten“ so wie z.B. diese hier, „Tania’s Corner“, wo rechts nix ist und links nix ist, nur der eigene Hausbaum sozusagen:

Zu mieten gibt es auf dem Gelände auch alle möglichen „Glamping“-Angebote. Der Begriff steht für „Glamourous Camping“ und meint Übernachtungsangebote in irgend einem besonderen Haus auf Zeit: in einem Berberzelt, einem Tipi, einem umgebauten Anhänger, irgendsowas in der Art.

Weniger glamourös als vielmehr urig ist der Hängemattenbereich des Campingplatzes. Momentan schläft da niemand, man sieht also nur die Tarps, unter denen bei Nutzung Hängematten aufgehängt werden. Jeder solche Schlafplatz verfügt auch über eine abschließbare Materialbox und eine Essmöglichkeit, und das Ganze direkt unten am Fluss.

Auf unserem Rundgang kommen wir an einem Niedrigseilparcours vorbei, und dann geht’s über ein Brückchen, an dessen fernen Ufer eine absolut perfekte Kanuanlegestelle lockt.

Kanus (wie auch Fahrräder etc.) kann man an der Rezeption mieten. Dort können alle möglichen Outdooraktivitäten gebucht werden, und es gibt auch einen kleinen Laden.

Also, hier ist schon alles, was das Herz begehrt, und alles mit sehr viel Verstand und Liebe angelegt. Klasse.

Am Hauptgebäude angelangt, fängt es doch noch einmal an zu regnen. Aber es hört auch wieder auf, und so erreichen wir fast trocken wieder unseren Wagen. Schluss für heut. Es war nach verkorkstem Start doch noch ein sehr schöner Tag!

ZWEI-TAGES-VLOG – Lake District und weiter

2018-08-26T21:34:21+01:00

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Sonja

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