Großbritannien – Tag 12: Liverpool

Der Blick morgens aus dem Fenster verheißt nichts Gutes. Entgegen der Wetterprognose nieselt es fröhlich weiter. Darauf haben wir nun wirklich KEINE LUST!!!

Naja, erstmal frühstücken. Es gibt englisches Büffet, ganz gut soweit, gereicht vom Juniorchef. Beim Smalltalk stellt er uns die Frage, was wir denn heute vorhaben. Meine (hier naheliegende) Antwort, wir wollten den Malham Cove Hike begehen, quittiert er mit einem wohlwollenden Nicken. Als ich dann aber die aktuelle Wetterlage kommentiere, schaut er mich provozierend an und fragt:

„I ask you, what is the worst thing that could happen? What could happen??“

Naja, nass werden. Das traut man sich einem Engländer kaum ins Gesicht zu sagen.

Aber wie an dieser Stelle bereits hinreichend kommuniziert wurde, das Problem ist nicht das Nasswerden an sich, sondern die Frage, wie wieder trocknen im sehr beschränkten Raumvolumen eines vollgepackten Campervans (so werden VW-Busse hier klassifiziert).

Und nach dem Frühstück nieselt es noch immer.

Nun sind wir aber extra nach Malham gefahren (nur zur Erinnerung: die kilometerlange Fuzzel“einbahnstraße“ gestern) und haben uns des hier nicht ganz trivialen Übernachtungsproblems gestellt. Zuviel Aufwand, um mir nichts dir nichts einfach wieder abzureisen, das finde zumindest ich. Wenigstens die Hotspots der eigentlich knapp 14 km langen Rundtour könnte man sich doch ansehen, die sind alle ganz gut separat anzufahren. Und ich bin ausgesprochen neugierig auf den Gordale Scar Campingplatz, der direkt an der Strecke liegt.

Der Rest unserer Reisegruppe fügt sich, bleibt aber selbst im Auto sitzen. Dabei hat es quasi aufgehört zu regnen. Ich nehme den Schirm zwar mit, stecke ihn unterwegs aber als unnötig wieder ein.

A propos Schirm. Die „leichte Brise“ gestern beim Versuch, die Great Douk Cave zu bezwingen, hat nicht nur Elias‘ bereits angematschten Schirm vollends geschrottet, sondern auch bei meinem eine Strebe abgebrochen. Dabei haben wir drei ausgewiesene Hardcore-Trekkingschirme dabei und keinen Billigschrott. Herstellerzitat:

„Für den light trek werden nur die neuesten und besten Materialien verwendet. Extra leichtes, extrem robustes Polyester-Gewebe mit Teflon®-Beschichtung und Doppelnähten zwischen den Segmenten.
Gestell mit besonders gehärtetem Aluminium-Profil-Schaft, weitere Gestellteile aus Glasfaser, Eloxal-Aluminium, Glasfaser-Polyamid, alle Gestellteile hochelastisch, korrosions- und verrottungsfest. (…)

Dieser kleine, handliche und leichte Wanderschirm erfüllt die hohen Erwartungen an Stabilität und Widerstandsfähigkeit – auch unter widrigen Einsatzbedingungen.“

Englandtauglich sind diese Schirme aber offenbar nicht.

Wie auch immer, ich betrete das Gordale Scar Zeltplatzgelände. Schick, schick, schick, kann ich da nur sagen!

Der Besitzer mag ja ein Messie sein oder auch nicht, die Wiese jedenfalls ist offenbar frisch gemäht worden und geschleckt glatt wie ein Kinderpopo. Wirklich viele Camper stehen da nicht, und die ich sehe, die wirken alle ausgesprochen gut gelaunt.

Der Wanderweg (der übrigens auch direkt an unserer heutigen Unterkunft vorbei führt) zieht sich hier direkt durch das Zeltgelände, nach hinten in die immer tiefer und enger werdende Schlucht hinein. Mit dem momentanen Nebel oben am Hang ist die Szenerie ausgesprochen stimmnungsvoll.

Nach ca. 600 m biegt man hinten in der Schlucht ums Eck und erblickt den Talschluss.

Der normale Wanderweg dreht hier um, geht die paar Meter zurück und links oberhalb der Schlucht entlang. Ist bestimmt auch sehr schön. Auf meiner Karte aber ist ein Weg eingezeichnet, der sich direkt am Wasserfall hocharbeitet. Ob die beiden da vorne den Weg suchen? Sie scheinen aber auch schwer nach Halt zu suchen. Ist vielleicht ähnlich glitschig wie der Great Douk Wasserfall gestern.

Genug gesehen, die beiden anderen warten ja. Also drehe ich um und gehe den (auch in dieser Richtung sehr schönen) Weg zurück.

Am außerhalb des Campingplatzes geparkten Auto vorbei geht es nur wenige Meter weiter in umgekehrter Begehungsrichtung zu Janet’s Foss, einem schönen kleinen Wasserfall. Auch das ist ein echt idyllisches Fleckchen Erde.

Die Schönheit dieser Ecke wird auch von Bill Bryson kommentiert, dem Autor des von mir hochgeschätzten „Picknick mit Bären“. Bryson hat einige Jahre in England gelebt. Das Hörbuch über diese Erfahrung hatte ich auch an Bord; wir haben’s aber irgendwie nicht angehört. Jedenfalls kommentiert er diese Gegend mit folgenden Worten:

„I won’t know for sure if Malhamdale is the finest place there is until I have died and seen heaven (assuming they let me at least have a glance), but until that day comes, it will certainly do.“

Ich steige wieder ins Auto. Malham Cove, die riesige Felsarena oberhalb des Ortes, fahren wir unfreiwillig auch noch an. Eigentlich wollte ich unterhalb parken und hinüberlaufen wie bei Gordale Scar, aber da, wo ich parken wollte, war’s nicht erlaubt, und zack befanden wir uns wieder auf einer langen einspurigen Straße ohne Wendemöglichkeit für ein paar Kilometer, was zu dezentem Gefluche auf der Fahrerseite führte. Aber wenigstens zu einem Bild aus dem Auto hat’s dadurch gereicht…

Insgesamt finde ich schon: Das, was ich von der Gegend gesehen habe, lädt wirklich dazu ein, irgendwann mal bei freundlichem Sonnenschein, duftenden Wiesenblumen, Bienengesumm und Vogelgezwitscher wiederzukommen… 😉

Für heute aber geben wir auf. Es MUSS jetzt Richtung Süden gehen. Wir wollen den Regen endlich los werden!! Also auf nach Liverpool.

Der Weg nach Liverpool (knapp 2 Stunden entfernt) führt zum ersten Mal seit Ewigkeiten wieder über eine richtige Autobahn. Balsam für strapazierte Autofahrernerven! Und man kommt echt schnell vom Fleck (obwohl nur 90 mp/h = 112 km/h erlaubt sind). Mit der Zeit werden die Ansprüche ja so bescheiden… 😀

Am Ortsrand futtern wir was, und dann auf zur Liverpool Marina. Dort soll man gut und sehr günstig über Nacht stehen können. Das stimmt wohl auch, aber leider hat die Rezeption heute bereits geschlossen (es ist nach 13 Uhr), so dass wir keine Codekarte für die Eingangstür der Marina und die Dusche mehr beziehen können. Ein sehr netter und hilfsbereiter britischer Wohnmobilfahrer, Giles, bietet mir aber an, wenn er vor Ort ist seine Karte zu benutzen.

Solange heute aber Betrieb in der Bar der Marina ist, kommen wir auch so rein.

Wir lassen das Auto außerhalb des eigentlichen Marina-Geländes stehen, denn von dort sind es nur 1 1/2 km in die Stadt hinein, das können wir ja problemlos laufen. Wir gehen am Ufer des breiten River Mersey entlang, und schon nach kurzer Strecke stoßen wir auf ein Wasserskigelände im Hafen, wo wir später auf dem Rückweg auch einen Sportler in Aktion erleben werden.

Und wenig später erreichen wir die Albert Docks, wo echt der Bär steppt. Das ist heutzutage ein schickes Gelände mit zahllosen toll eingerichteten Läden und Restaurants. Hier ein Blick in den „Smuggler’s Den“, durch den wir vorne rein und hinten wieder raus laufen:

Überhaupt muss man sagen, wir sehen im Laufe dieser drei Wochen irrsinnig viele irrsinnig schön eingerichtete urige Läden. So billig viele Wohnhäuser daher kommen, die Pubs sind oft ausgesprochen schick…

Wir verlassen die Albert Docks Richtung Innenstadt, vorbei an diesem Gelände hier:

Hier fährt normalerweise die „Yellow Duckmarine“ ab, ein amphibisches Touriboot. Damit wollten wir eigentlich fahren, wie es Simeon vor Jahren bei einem Schüleraustausch getan hatte. Aber als ich gestern Abend nochmal auf ihrer Website nachsah, stand da plötzlich zu lesen, dass aus nicht genannten Gründen momentan alle Touren gestrichen worden seien. Hm, was nun? Klar, in Liverpool gibt es natürlich auch Beatles-Touren. Aber ob Elias damit was anfangen kann, der kennt ja nicht mal die Lieder?

Ich habe gestern vorsichtig bei ihm nachgefragt, und komischerweise meint er gleich, nö, das sei schon ok. Das könnten wir ruhig machen. Also haben wir eine dreistündige (!) Beatles-Taxitour durch Liverpool gebucht. 65 GBP pro Fahrzeug, nicht etwa pro Person, was die Sache echt erschwinglich macht.

Noch haben wir aber etwas Zeit bis zum vereinbarten Abholpunkt. Wir bewegen uns langsam weg von den Docks. Eindrucksvoll, wie da Altes und Neues aufeinander prallen.

An einer Straßenkreuzung gibt es diesen tollen überlebensgroßen Radwegewegweiser zu bewundern, (…)

(… ) daneben andere Formen von Kunst.

Elias und ich essen ein Eis. Sehr lecker, aber es ist von der Sorte, die schneller schmilzt, als man schlotzen kann. Und ja, schmelzen ist ein Thema, denn man glaubt es kaum, aber in Liverpool haben wir die Sonne tatsächlich eingeholt und es ist quasi fast sowas wie heiß. Wer rechnet denn auch mit sowas!?!

Und dann ist es auch schon Zeit uns von unserem Taxi abholen zu lassen.

Es handelt sich um ein Original Taxi mit 5 (schmalen) Sitzplätzen im Passagierraum. Unser Fahrer und persönlicher Guide Ian putzt noch kurz die Scheiben, lädt uns ein, und schon geht’s los.

Zunächst gibt es ein kleines bisschen allgemeine Infos zu Liverpool, so z.B. zu dieser Kirche hier, der Liverpool Anglican Cathedral, die uns schon vom Hafen aus aufgefallen war, weil sie aussieht, als fehle ihr die Spitze:

Diese Kirche, die größte Kathedrale Großbritanniens und fünftgrößte weltweit, ist das Lebenswerk von Sir Giles Gilbert Scott, der im Jahre 1903 als 21-jähriger Jungspund (!) den entsprechenden Architekturwettbewerb gewann. Derselbe Mann ist auch der Designer der berühmten roten britischen Telefonzelle, weswegen auch ein Exemplar davon in der Kirche steht…

Während ich dies schreibe, habe ich soeben nochmals einiges zur Kathedrale nachgelesen, und ich denke, wenn wir irgendwann mal nach Liverpool zurückkehren (worauf ich große Lust habe), dann steht ein Besuch dieser eindrucksvollen Kirche ganz oben auf der Liste. Der Eintritt ist übrigens frei. 🙂

Für die Liverpool Cathedral spricht – abgesehen von den Zeugnissen vieler, vieler tief beeindruckter Besucher – ihr Motto, das sie auf Seite 1 ihrer Website so formuliert:

„Liverpool Cathedral is a safe place to do risky things in Christ’s service“

Sehr cool, wie ich finde!!

Wir sehen zumindest von außen auch das katholische Gegenstück, die Catholic Metropolitan Cathedral, von der ich nur einen schnellen Schnappschuss habe.

Neben den vier Glocken im Turm vorne links im Bild, die eigentlich den vier Evangelisten geweiht sind, in Liverpool aber „John, Paul, George & Ringo“ heißen, hat auch das Kirchgebäude selbst im Volksmund eine ganze Reihe Spitznamen, u.a. „Paddy’s Wigwam“ oder „The Pope’s Launching Pad“ (Päpstliche Abschussrampe). Soll aber auch von innen ganz eindrucksvoll sein.

Dann legt Ian los. Es geht auf Beatlestour durch die ganze Stadt. Unser persönliches wandelndes Lexikon fräst, wie es nur ein echter Taxifahrer kann, rotzfrech durch die Straßen, dreht an den passenden Stellen die jeweiligen Lieder auf, und wir fahren wirklich gefühlt alles Interessante ab, sämtliche Wohnhäuser, und überall gibt es Anekdoten zu erzählen wie die, dass die McCartneys irgendwann entnervt umziehen mussten, weil von einem der Häuser, in denen sie lebten, der Garten zu frei zugänglich war, so dass die Groupies ständig Papa McCartneys Unterwäsche von der Leine klauten in der Annahme, es sei Paul’s (der zu diesem Zeitpunkt gar nicht so oft zu Hause war).

Ich glaube jedenfalls, es waren die McCartneys, und ich glaube, es war das abgebildete Haus. Man verliert da im Laufe der Zeit leicht den Überblick… 😀

Manche Schilder dagegen erklären sich quasi von selbst.

Doch damit nicht genug. Überall müssen wir aussteigen, und Ian macht mit meiner Kamera Fotos, zu denen er uns nach glasklaren Vorstellungen positioniert. Er weiß ganz genau, wo er uns wie stehen haben will, damit die Motive seiner Meinung nach am besten zur Geltung kommen. Und damit geht er Elias in kürzester Zeit gewaltig auf den Senkel (zumal er redet wie ein Wasserfall, dabei aber für alle drei von uns schwer zu verstehen ist). 😀

Hier ein paar Zeugnisse von Ian’s Kunst:

Zu Strawberry Fields und Penny Lane noch folgende Bemerkungen: Eindrücklich schildert Ian, wie die Bealesfans permanent alles klauen, was nicht niet- und nagelfest ist. Das Tor zu den Strawberry Fields zum Beispiel, weswegen ich wohl auch folgendes Schild dahinter sehe:

Es wurden aber auch schon mit Werkzeug Teile der Fensterbank von irgendwelchen Beatles-Wohnhäusern abgeschlagen und als Souvenir mitgenommen etc. etc. Unglaublich…

Wirklich eindrucksvoll bleibt mir aber, wie gerade Paul McCartney in so vielen Liedern einfach verarbeitet hat, was er als Eindrücke seines persönlichen Alltags wahrgenommen hat, die Schulbusfahrten durch Penny Lane, den Frisör, den Banker usw. Was haben diese Lieder in so vielen anderen Menschen angerührt, die doch gar nicht dieselben Erinnerungen teilen?

Zwei Wohnhäuser, eines von McCartney und eines von John Lennon, werden heute vom National Trust erhalten. Man kommt da aber nur mit Voranmeldung und unter Bezahlung einer Extragebühr rein.

Wo Paul McCartney sicher mal lebte, ist hier:

Erstens steht’s auf dem National-Trust-Schild, und zweitens erinnere ich mich daran, weil das Haus in dem Carpool-Karaoke-Film mit McCartney vorkommt, der im Juni dieses Jahres online ging. Wer den Film nicht kennt – der ist absolut super! Schaut ihn euch an, das lohnt sich wirklich. Der Film dauert knapp 24 min. und hat (Stand von heute) 31 Mio. Klicks:

Und wenn ihr den Film jetzt brav angesehen habt – der Pub, wo es am Ende das Überraschungskonzert gibt, ist dieser hier:

Das ist grad ums Eck von dem Wohnhaus, wo John Lennon seine erste Frau Cynthia heiratete, während draußen vor der Tür Straßenarbeiten mit einem ohrenbetäubenden Presslufthammer erfolgten. Zum Essen gingen sie dann in ein Lokal nebenan, das allerdings keine Alkohollizenz hatte. Die Feier fand also unter etwas ungünstigen Umständen statt.

Ian steckt wirklich randvoll mit solchen Stories, aber man muss feststellen, dass a) er rein von seiner Aussprache her echt schwer zu verstehen war und b) Elias keine wirkliche Chance hatte an diesem Nachmittag. Und so ist er verständlicherweise heilfroh, als er die drei Stunden abgesessen hat. Mein persönliches Fazit lautet: Ich fand’s wirklich eindrücklich, so auf den Jugendspuren der Beatles zu wandern. Aber zwei Stunden hätten auch gereicht.

Ian lädt uns in der Nähe unseres Startpunktes ab, und wir beschließen zum Auto zurückzukehren und uns da von unseren Bordmitteln zu verpflegen. Hier noch ein paar Impressionen von unserem Rückweg:

Und auch am architektonisch eindrucksvollen Museum of Liverpool kommen wir vorbei. Das war uns schon auf dem Hinweg aufgefallen, weil es uns alle drei so stark an die Oper in Oslo erinnerte, die wir letztes Jahr besichtigt haben (Es ist aber ein anderes Architektenteam dafür verantwortlich).

Zurück an unserem Bus versuchen die Jungs, mit der eigens mitgebrachten Antenne das Wlan-Signal der Marina zu verstärken. Zu Hause hat das auch einwandfrei funktioniert, aber hier bringen sie’s zu ihrem Frust trotz ausgeprägter Bemühungen nicht zum Laufen, warum auch immer.

Wir beschließen den Tag mit Elias‘ „Start in die Nacht“-Programmpunkt sowie mit dem oben verlinkten Carpool-Karaoke-Film, der uns allen wirklich großen Spaß macht, auch unserem heute leidgeplagten Teenager (der sich ansonsten echt wacker schlägt).

Heute kein VLOG – Es gab zu wenig Filmmaterial

2018-08-27T11:32:55+01:00

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Sonja

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