Großbritannien – Tag 13: Wales – Pontcysyllte Aqueduct & Bodnant Garden

Als ich morgens aufwache, ist die Marina noch zu. Da kommt der Wachmann sehr gelegen, der um 8.30 Uhr das Gebäude aufschließt, so dass außer mir noch zwei andere nervös herumtrippelnde Damen aufs Klo können…

Ansonsten war dieser Stellplatz aber durchaus zu empfehlen, und wären wir gestern rechtzeitig angekommen, um noch die Chip-Pfandkarte von der Anmeldung holen zu können, dann hätten wir hier sogar duschen können (denn das gilt wohl auch für die Stellplätze außerhalb des eigentlichen Marinageländes, wo wir geparkt haben. Im Hof selbst haben glaub nur 12 Fahrzeuge Platz, und der Hof war bei unserer Ankunft schon ausgebucht).

Jetzt brechen wir endlich auf nach Wales, worauf ich mich schon die ganze Zeit sehr freue. Und das Wetter scheint tatsächlich soweit zu kooperieren!

Erstes Zwischenziel aber ist noch vor der Grenze der Pontsycyllte Aquädukt, Weltkulturerbe.

Der Ingenieur Thomas Telford hat hier 1795-1805 eine Brücke für Schiffe (ursprünglich für von Pferden gezogene Lastenkähne) gebaut, die ihresgleichen sucht.

Etwas griffiger klärt euch Wikipedia auf:

„Das Pontcysyllte-Aquädukt ist ein als schiffbare Trogbrücke ausgeführtes Aquädukt, das den Llangollen-Kanal über das Tal des River Dee zwischen den Gemeinden Trevor und Froncysyllte, Wrexham im Nordosten von Wales führt.“

Was eine „schiffbare Trogbrücke“ ist, fragt ihr euch? Ihr werdet es gleich sehen.

Falls ihr nun beim linken (Bild 1) bzw. oberen (Bild 2) Teil der Inschrift dachtet, was das denn bitte heißen solle – das ist Walisisch. Coole Sprache, oder?!?

Walisisch (oder auch Kymrisch) gehört zur keltischen Sprachfamilie und ist eine der ältesten gesprochenen Sprachen Europas. Gesprochen wird Walisisch von immerhin fast 22 % der Bevölkerung von Wales – Tendenz steigend. Seit 1993 ist Walisisch nach langem Kampf der Bevölkerung formal dem Englischen gleichgestellt mit der Folge, dass alle offiziellen Schilder, alle offiziellen Dokumente und Gerichtsprozesse zweisprachig verfasst sind.

Gesprochen klingt das Ganze ein bisschen wie Klingonisch oder Elbisch. 😉 Ein Beispiel werde ich an anderer Stelle mal verlinken.

Jedenfalls wird uns der Pontsycyllte-Aquädukt endlich nach Wales führen. Dorthin, wo’s bekanntlich gutes Wetter gibt, 😆

Ich habe mich informiert, und deshalb steuern wir vor Ort nicht den normalen Parkplatz an, sondern fahren ein bisschen außenrum und parken bei „Jones the boats“ einen Tick nördlicher.  Dort kann man nämlich für kleines Geld an Bord gehen, und das tun wir dann auch. Wir kommen genau rechtzeitig zur 12-Uhr-Abfahrt und steigen gleich ein.

Vielleicht fällt euch ja bei diesen Fotos was auf? Jawohl, das Boot ist recht lang, aber extrem schmal gebaut, ein sogenanntes „Narrowboat“.  Narrowboats sind bis zu  22 m lang, aber nur max. 2,20 m breit. Wirklich narrow also. So narrow, dass wir uns als erstes gleich mal hier durch diese einladende Lücke zwischen Boot 1 links und Boot 2 rechts hindurchschieben werden.

Wir steuern auf den Aquädukt zu. Direkt davor ist eine „Kreuzung“, wo ein anderes Boot rechts abbiegt und eine echt niedrige Brücke unterquert. Vermutlich sollte der Kapitän in wenigen Sekunden lieber seinen Kopf einziehen…

Wir wollen geradeaus, hier entlang:

Allerdings gibt es bei genauer Betrachtung Gegenverkehr, und da bleibt uns nichts anderes übrig, als rückwärts zu rangieren und zu warten, bis der Weg frei ist, denn hier ist kein Aneinandervorbeikommen. Oder was meint ihr?

Bis der andere Kahn endlich durch ist, dauert es ne Weile. Ich verstehe sofort, weshalb in meinem  Führer davon die Rede war, eine Kanalbefahrung führe zu sofortiger Entschleunigung. Wohl wahr…

Dann aber ist es soweit. Wir befahren die „schiffbare Trogbrücke“. Aus unserer Sicht links laufen die Fußgänger, und rechts schiffen wir in einem flachen Trog. Und zwar auf unserer Seite ohne Geländer, und wohlgemerkt, es geht immerhin 40 m in die Tiefe. Wie hieß es so schön im Führer? Der Pontsycyllte-Aquädukt sei vermutlich weltweit der einzige Kanal, auf dem man auf einem Hausboot Höhenangst bekommen könne…

Hier die Sicht nach links unten (mit Geländer)…

… und hier geht’s rechts runter (Bootsseite, kein Geländer).

Und so alles zusammen:

Es ist echt schwierig, das irgendwie abzubilden, aber das Begehungs- bzw. Befahrungsgefühl war schon ausgesprochen luftig.

Am anderen Ufer angekommen, fahren wir ein paar hundert Meter weiter zur einzigen Wendestelle. Das Rangieren mit unserem dünnen, aber laaaaangen Streichholz von Boot dauert ne Weile, bis wir anders herum stehen. Dann aber steigen wir aus; wir werden zu Fuß zurücklaufen, um das Ganze noch aus anderer Perspektive zu erleben.

Vorher aber müssen wir auf die andere Seite des Kanals gelangen, denn der Fußweg ist ja nur auf einer Seite. Und siehe da, ganz in der Nähe befindet sich eine interessante Brückenkonstruktion.

Zwei nebeneinander gelegene Brücken. Ja, wie jetzt?

Die Sache klärt sich kurz danach auf, als nämlich ein Hausboot angetuckert kommt. Einer der Passagiere springt von Bord (kein Problem bei der „Geschwindigkeit“) mit einer großen Kurbel in der Hand.

Ich überquere den Kanal auf der (fixen) Fußgängerbrücke, da ist der untere Überweg schon wieder herabgelassen und von PKWs ganz normal nutzbar.

Sehr praktisch. Und sehr beeindruckend, wie mit dem ausbalancierten Gegengewicht die schwere Autobrücke mühelos von Hand hochgekippt werden kann.

Als nächstes erblicken wir linkerhand im Kanal ein „Süßwarenschiff“. Die Besitzerin will nicht mit aufs Foto und verknümelt sich hinter ihrem Tresen.

Und dann geht es zu Fuß über den Aquädukt zurück, was ein echt eigenartiges Gefühl ist, sehr luftig und mit dem Kanal neben sich echt ungewöhnlich. Am anderen Ufer zurück versuchen wir, die gesamte Brücke irgendwie fotografisch festzuhalten, aber es gelingt uns nicht so wirklich, die richtige Perspektive einzunehmen. So müssen diese mittelmäßigen Versuche genügen.

Das war er dann also, der höchste schiffbare Aquädukt der Welt. Uns hat’s allen drei Spaß gemacht.

Aber Hunger haben wir nun mal wieder. Wenige Kilometer entfernt soll es eine schön gelegene Klosterruine geben; dort wollen wir was vespern.

Die Ruine will von uns Eintritt, also bleibt es bei dem Außenblick, denn der ist ja auch schon ganz ansehnlich und genügt uns für den Moment.

A propos ansehnlich – was meint ihr zu diesem Brot? Hat das nicht ne tolle Kruste?

Optik ist halt nicht alles.

Aber die mobile Sandwichstation bastelt trotzdem was Schmackhaftes zusammen.

Aufbruch. Wir haben noch etwas Zeit und nehmen uns auf dem Weg zu unserer heutigen Unterkunft noch einen Park des National Trust vor, Bodnant Garden.

Der erste Eindruck ist mal wieder der von schicken Rabatten…

… vor einem seeehr stattlichen Herrenhaus mit den Snowdonia Mountains (Nationalpark) im Hintergrund.

Wir biegen dann rechts oder links ein und entdecken viel Schönes am Wegesrand, so z.B. diese superglatte, farbintensive, krass glänzende Baumrinde.

Es geht quer über eine riesige Wiese, und man fragt sich so ein bisschen, was denn am anderen Ende noch Aufregendes kommen soll. Wir betreten ein Wäldchen, da fällt unser Blick auf das markante Gebäude hier:

Dahinter geht es linkerhand wie auch geradeaus offenbar in eine Schlucht hinab. Und was wir da sehen, kommentiert Rainer mit dem Wort „Wahnsinn!!“, das er ab sofort bis zum Verlassen des Parks gefühlt minütlich wiederholt. Es IST aber auch der Wahnsinn. Überall Treppen, Brücken, Bäche und Teiche, Blüten, riesige alte Bäume, Farben, Formen, Wildes und Geformtes, alles dicht auf dicht, hinter jeder Biegung und hinter jedem Busch neu und überraschend. Ich kann das auch nicht besser beschreiben als mit dem Wort „Wahnsinn“, das man sich mit dem Unterton tiefster Bewunderung vorstellen muss. Wer bitte denkt sich sowas aus? Mehrere Generationen leidenschaftlicher Gärtner, die das angrenzende Herrenhaus bewohnten. Und wer hält das alles in Schuss? Der National Trust, mal wieder. Chapeau!!

Hier lassen wir jetzt einfach mal Bilder sprechen. Ich rate zur Vergrößerung (durch Anklicken).

Wir sind wirklich alle zutiefst beeindruckt von diesem verzauberten Ort, an dem wir noch Stunden hätten zubringen können, wenn uns nicht die Schließungszeit im Nacken gesessen hätte. Und das Herrenhaus (in Privatbesitz), an dem wir am Ende noch entlang gehen, steht dem ganzen Eindruck in Nichts nach. Ein würdiger Abschluss.

Für mich steht fest: Bodnant Garden – einer der Höhepunkte unseres Trips. Fabelhaft.

Um zu unserer vorgebuchten Unterkunft für heute zu gelangen, Totter’s Hostel in Caernafon, fahren wir nach Norden vor bis ans Meer, das wir in der Nähe von Conwy erreichen. Von dort geht es zu meiner Überraschung geradezu rasend schnell voran, denn die A55 ist entlang der Küste autobahnähnlich ausgebaut. Überhaupt ist Rainer seit unserer Überschreitung der Grenze nach Wales sehr zufrieden, denn selbst die engen Straßen sind hier nicht ganz so eng mit Hecken und Mauern zugeballert wie in England. So fährt es sich wesentlich entspannter.

Wir erreichen Caernafon, das gleich mit einer mächtigen Stadtmauer beeindruckt. Unsere Unterkunft liegt mitten drin. Der Parkplatz, zu dem mich die sehr nette Inhaberin des Hostels mit einem von Hand colorierten Stadtplan lotst, liegt dann wieder außerhalb der Mauer. Man könnte schon sagen „direkt am Meer“ (streng genommen am Meeresarm des Menai Strait), oder was meint ihr?

Unser Gepäck haben wir schon am Hostel abgeladen. So laufe ich vom Parkplatz nun ganz unbelastet die paar Meter zurück zum Hostel. Der Weg führt direkt außen an der Stadtmauer entlang.

Und durch das westliche Stadttor hindurch blicke ich dann auch schon wieder auf das Hostel (das dunklere Steingebäude hinter der Einfahrt).

Totters Hostel ist echt klasse! Das Haus selbst ist „nur“ 200 Jahre alt, der Keller aber, wo die (vernünftig ausgestattete) Küche und der Speisesaal sich befinden, hat schon stattliche 600 Jahre auf dem Buckel. Alles ist einfach, aber geschmackvoll eingerichtet, hier z.B. der sehr gemütliche Aufenthaltsraum.

Der Speisesaal haut aber dem Fass den Nucki raus.

Klasse.

Rainer und ich ziehen abends nochmals vor die Tür, um den Ort Caernafon ein wenig zu erkunden. Die mächtige Burg, Teil des „Eisernen Rings“ von Burgen (Weltkulturerbe), welche der englische König Eduard I im 13. Jahrhundert gegen die aufmüpfigen Waliser errichtete, ist nur wenige Schritte vom Hostel entfernt.

Um diese Zeit hat die Burg natürlich schon Feierabend. Wie so oft bleibt es bei dem  Gedanken – nächstes Mal gehen wir rein. 🙂

Auch die angrenzende Synagoge ist ein eindrucksvoller Zeuge der Vergangenheit.

Da Caernafon angeblich randvoll mit Pubs ist, hatten Rainer und ich noch auf ein bisschen aktives Dorfleben gehofft. Aber das Städtchen hatte gerade ein Piratenfest, und die einheimische Bevölkerung hat sich wohl vorausgabt. Jedenfalls ist irgendwie nichts mehr los, die meisten Läden haben zu, und die paar Hanseles hier unter der walisischen Flagge mit dem roten Drachen sind so ungefähr das einzige Zeugnis der lokalen Feierabendkultur, das wir heute zu Gesicht kriegen.

Na, wenn das so ist…

… gehen wir halt auch ins Bett. Morgen wird gewandert (hoffentlich), da können ein paar Stündchen Ruhe kaum schaden. Wir sind sowieso irgendwie dauermüde, obwohl wir wirklich reichlich Stunden in der Horizontalen verbringen. Aber es ist halt nie so erholsam wie zu Hause im eigenen Bettchen. 🙂

ZWEI-TAGES-VLOG – Auf nach Wales!

2018-08-31T15:08:07+01:00

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Sonja

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