Großbritannien – Tag 14: Wales – The North Ridge of Tryfan

Heute ist mein Tag!! Das heißt, FALLS das Wetter mitspielt. Momentan sieht die Großwetterlage nicht unbedingt zuverlässig aus, und das gilt auch noch bei unserer Anfahrt zum Tryfan, dem Berg im Walisischen Nationalpark Snowdonia, den ich nach diversen bereits geplatzten Touren UNBEDINGT besteigen will. Beim morgendlichen Einkauf hat’s noch kräftig genieselt, und als wir in die Berge hineinfahren, hängt der Nebel tief.

Aber man muss ja nicht abschreiben, was noch nicht offiziell als tot erklärt worden ist. Also gebe ich die Hoffnung noch nicht auf.

Und siehe da, als wir am Parkplatz ankommen, macht es den Eindruck, als könne man (wie etliche Briten es eh tun) wenigstens mal loslaufen.

Ich habe Respekt vor unserem heutigen Tagesprojekt, dem „North Ridge of Tryfan“. So nennt sich ein Walisischer Klassiker der hier als „Scrambling“ betitelten irgendwo zwischen Klettern und Wandern verorteten Spielart des Bergsteigens. Der Tryfan gilt als „der einzige Berg in Wales, den man ohne Zuhilfenahme der Hände nicht besteigen kann“ – scramblen eben. Der Normalweg, über den wir später absteigen wollen, hat nur ziemlich weit oben ein bisschen Scramble-Felsabschnitte, aber der Aufstieg über den Nordgrat, der sich von unten bis oben mit einer Minipause auf ca. 2/3 Höhe ziemlich konstant einfach immer nach oben schwingt, ist über weite Strecken felsdurchsetzt, und irgendwie muss man halt zwischen den Felsen durch hoch.

Es heißt, niemand begehe den Tryfan zweimal auf derselben Route. Wir sind hier ja nicht in den Alpen, und es gibt quasi keine Beschilderung. Man wurschtelt sich halt irgendwie nach oben durch das ausgesprochen unübersichtliche Gelände, und je nach Intelligenz der Routenwahl kann dieses Unterfangen ausgesprochen sportlich ausfallen.

Und bei Nässe kommt der Glitschfaktor dazu, und Nebel erschwert die ohnehin sehr unübersichtliche Orientierung.

Aber jetzt gerade geht’s eigentlich. Und grad vor uns ist ein Mann mit einem Jungen eingestiegen. Der wird ja hoffentlich wissen, wo’s lang geht…

Die ersten paar Meter kann man eh nix falsch machen, die sind trügerisch leicht. Es geht halt hoch.

Schnell wird bei dem Aufstieg eine erhöhte Betriebstemperatur erreicht – Zeit die Hosenbeine einzukürzen.

Etwa an dieser Stelle endet der gepflasterte Pfad, und wir bekommen eine Ahnung davon, wie die nächsten Geländeabschnitte aussehen.

Erst ein bisschen links haltend durch den heidedurchsetzten Teil hoch, und dann geht’s irgendwie in die Felsen.

Die Wanderer vor uns haben wir längst aus den Augen verloren. Wir kommen ihnen zwar immer näher, aber sobald sie irgendwo ums Eck biegen, verschwinden sie logischerweise außer Sicht. Dafür haben wir gleich eine wunderbare Aussicht auf die bereits sehr kleinen Autos zu unseren Füßen. 🙂

Durch Heide und um jede Menge Felsbrocken herum winden sich die Trittspuren, und immer wieder stellt sich die Frage, welchen man folgt. Naja, Hauptsache immer hoch. Wir kommen den massiveren Felsabschnitten näher.

Immer wieder ist der Fels mit eindrucksvollen Quarzadern durchsetzt.

Wir kommen immer höher, in die Bereiche, wo es anfängt zuzuziehen.

Oder ist das der Dampf, den wir (durch körperliche Aktivität oder auch durch eine gewisse nervliche Anspannung) selbst produzieren? 😀

Noch ein kurzes Stück weiter gekraxelt,…

… dann stehen wir vor diesem Fels.

Und genau gegenüber – naja, da kann man doch nicht widerstehen. Das seht ihr bestimmt genauso.

Dass die Sonne aber auch genau zu diesem Zeitpunkt genau an diesem Ort derart kooperierte, mit Regenbogen und allem drum und dran! Unglaublich. Was für ein Geschenk!!

Ich greife vor: Es hätte später am Tag bei der Weiterführung unserer Tour über einen weiteren Gipfel nochmals eine ähnlich fotogene Stelle gegeben. Falls jemand vorhat, dieses Abenteuer (und ja, das war es!!) zu wiederholen: Ihr müsst weiter zum Glyder Fach. Dort befindet sich der „Cantilever“, ein riesiger ganz flacher, waagerecht ausbalancierter Stein, der sich für ebenso geile Fotos bewährt hat, und außerdem noch das an einen Dinosaurierrücken erinnernde „Castell y Gwynt“,

„(…) a cathedral of vertical frost shattered rocks that you can scramble over.“

So weit sind wir heute dann aber nicht mehr gekommen, denn das Wetter, das Wetter…

Aber ich meckere nicht, wir haben hier am „Cannon“, der Kanone, wie unsere Fotostelle heißt, lichttechnisch eine absolute Sternstunde erwischt. Die Kanone steht übrigens so weit vor, dass wir sie später nach unserem Abstieg noch vom Tal aus einwandfrei am Grat identifizieren konnten.

Nach der Kanone gewährt das Gelände eine kleine Verschnaufpause (die einzige unterwegs), aber natürlich nur, um den weiteren Verlauf zu präsentieren. Bitte sehr:

Ok. Wo’s Gras gibt, nehmen wir das Gras. Aber weiter oben dann, wo der Nebel einsetzt??

Hm. Einfach mal weiter. Wir werden schon sehen.

Jetzt wird es aber wirklich steil und felsig.

Ich hatte mir im Vorfeld 4 oder 5 Begehungstracks vom North Ridge des Tryfan herunter- und aufs Handy geladen. Ihr wisst doch noch: Niemand begeht den Nordgrat zweimal auf derselben Strecke. Entsprechend weichen auch die Tracks alle voneinander ab. Ich denke, etwa an der Stelle, an der das letzte Foto eben entstanden ist, wo Elias sich nach links wendet, war’s: Da gab es im Wesentlichen zwei Varianten, nämlich schnurstracks gerade hoch oder aber mit einem leichten Linksbogen. Gerade hoch sah absolut unbegehbar aus (jedenfalls für uns Scramble-Neulinge). Oder wie seht ihr das?? Wir sahen so ungefähr, was ihr hier seht. Wärt ihr da irgendwo hoch?? Der Weg links herum (nicht im Bild) wirkte auf uns begehbarer.

Wir kommen da also quasi „ums Eck“ und erblicken einen Pfad, der sich waagerecht am Fuß des rein felsigen Gipfelaufbaus entlangzieht. Da wollen meine Männer logischerweise lang. Mir aber fällt ein, dass ich nicht nur eine Beschreibung gelesen habe von Leuten, welche genau an dieser Stelle genau diesen Fehler gemacht haben. Der Weg linksrum versandet wohl irgendwie in reinem Klettergelände, und alle sind echt in der Scheiße gelandet. Ein Ehepaar ist dann aus Verzweiflung sogar den ganzen Weg zurück wieder abgeklettert, und das habe ich nun ganz sicher NICHT vor!!!

Nach einer kleineren Diskussion darüber, wie es hier weitergehen soll, entscheide ich mich diktatorisch für einen Kompromiss. 😉 Wir gehen den waagerechten Pfad ein Stück entlang, aber nur bis zu einer Schneise, die sich vom Grat dorthin herunterzieht, die nun wirklich erklimmbar erscheint. Dort klettere ich vor und sage den anderen beiden, sie sollten unten warten, bis ich weiß, ob man so wirklich ans Ziel kommt. Das Problem ist an dieser Stelle, dass man die Lage des eigentlichen Tryfan-Gipfels wirklich nur grob erahnen kann – zum einen wegen des Nebels und zum anderen, weil immer wieder Felsen den Blick nach oben versperren. Rainer befürchtet, ich käme an der Schneise zwar irgendwie an ihr oberes Ende, müsse dann aber oben am Grat womöglich wieder ein Stück abklettern, weil ich zu weit rechts herauskomme und der eigentliche Gipfel weiter links sei ohne Verbindungsweg dazwischen.

Das ist eine durchaus realistische Vorstellung. Aber meine Tracks gingen ja zum Teil geradeaus den Grat hoch, die wären ja auch alle am oberen Ende der Schneise vorbeigekommen. Und kein einziger Track ist dem waagerechten Pfad unten gefolgt. Alle sind sie weiter rechts als wir jetzt gerade. Wenn die Schneise erklettert werden kann, dann kann ihr oberes Ende eigentlich nur auf Kurs zum Gipfel sein.

Ich kraxle los. In der Mitte der Schneise ist eine komische Stelle, geht aber. Und oben raus ist’s erst recht irgendwie doof. Geht dann aber auch.

Die anderen beiden sind mir natürlich doch gleich hinterher, ohne meinen Bericht abzuwarten…

Als ich oben bin, denke ich im ersten Moment tatsächlich, ich sei da doch falsch, denn da sind so gar keine Begehungsspuren von niemandem nirgends nicht zu sehen, Scheiße! Da aber erblicke ich unter einem größeren Felsvorsprung dies hier:

Sieh mal einer an. Hier war schon mal ein menschliches Wesen. 😀

So falsch kann mein Standpunkt also nicht sein. Und da kommen auch schon Elias und Rainer ums Eck…

… und Elias verkündet vergnügt: Schau, da ist der Gipfel!

Tatsächlich. Kaum zu glauben. Bzw. ich hab’s ja geglaubt, dann aber doch Zweifel an meiner eigenen Argumentation gekriegt.

Der Gipfel ist absolut unverkennbar, denn da stehen „Adam & Eve“.

Das sind die beiden Felsbrocken im Hintergrund. Sie sind ziemlich groß, ca. 3 m hoch. Und eine klassische Mutprobe besteht darin, vom einen auf den anderen zu springen. Wer den Sprung hinter sich bringt, gewinne „the freedom of Tryfan“, so sagt man…

Auf dem Boden wären die zu überbrückenden 1,20 m nun echt kein Kunststück, aber wie das halt so ist, das Umfeld macht’s. Es geht hintendran echt erbärmlich steil und tief den Bach ab.

Hab grad ein sehr witziges Video zu diesem berühmten Sprung gefunden. Ihr müsst es aber bitte bis ganz zum Schluss ansehen, sonst verpasst ihr das Beste.

Heute ist alles dort oben einfach viel zu nass.

Nicht, dass ich auf den Sprung scharf gewesen wäre, wirklich nicht. Aber heute habe ich von allen, die oben außer uns ankamen, gar niemanden springen sehen.

A propos „alle, die oben außer uns ankamen“: Nach uns erreichten zwei weitere Gruppen den Gipfel. Jede kam dort aus einer anderen Richtung an, die einen aus Osten und die dritte Gruppe aus Süden (!). Und alle sagten, sie hätten den Nordgrat begangen (!!). Was nur zeigt, wie schwierig die „Weg“findung dort oben ist. Wir haben den Gipfel wenigstens aus nördlicher Richtung erreicht… 😀

Als wir oben ankommen, stehen zwei Jungs am Gipfel. Wir scherzen angesichts des Nebels:

„Where’s the view?!“

Worauf der eine antwortet:

„Nobody comes to Wales for the view!!“

Ach so ja, was für eine blöde Anfängervorstellung aber auch… 😀

Wir führen eine nette Unterhaltung. Die beiden kommen aus London („It’s totally flat there“, beschwert sich Sam) und wollten eigentlich den Glyder Fach erklimmen, wenn ich das richtig im Kopf habe. Wegen des Wetters haben sie ihr Vorhaben aber aufgegeben und sind über den Normalweg (von Süden her) hier hochgekommen. Um nichts zu sehen, genau.

Die beiden steigen etwa zeitgleich mit uns wieder ab. „Wandern zeitgleich mit uns herunter“ wäre hier irgendwie keine angemessene Formulierung. Zwar befinden wir uns jetzt auf dem Normalweg, aber das Foto hier…

… zeigt nicht etwa die gemütliche Gipfelpause, sondern den Akt der Fortbewegung. Genau, auf dem Hintern. Wenn der schon unten ist, kann man nämlich nicht mehr abstürzen.

Eine ganze Weile gestaltet sich der Normalweg also auch durchaus scramblig, ehe dann doch irgendwann die Felsen die Oberhand ans Gras abgeben und man sich mehr oder weniger normal auf den Füßen abwärts fortbewegen kann.

Wir folgen „unseren“ beiden Londonern, bis sie oberhalb des Sees „Llyn Bochlwyd“ (eben im Bild) eine andere Richtung einschlagen als wir. Aber seht ihr, Jungs, ich halte mein Versprechen – ihr kommt im Blog vor, und die Bilder schicke ich euch natürlich auch!

Da vorne laufen sie…

Tschüss, Jungs! Es war nett mit euch!

Wir sind nicht mehr so schnell…

Die Richtung, die wir einschlagen, ist feuchter als geplant, quert dafür aber hinüber zu sowas wie einem richtigen Wanderweg.

Elias stellt sich die Frage: Wer baut sowas eigentlich? Wer schleppt denn eigentlich (wie?) all die Steine her für eine solche Römerautobahn?

Ich habe eine Vermutung, und die wird sich später sogar deutlicher bestätigen als erwartet.

Erstmal aber passieren wir weitere eindrückliche Quarzvorkommen wie diese hier:

Und wo wir schon am Steinegucken sind, treibt uns die Neugier zum (komplett fruchtlosen, aber lustigen) Versuch, dieses Exemplar von Was-auch-Immer durch rohe Gewalt zum Zerplatzen zu bringen, um zu sehen, was da wohl drinstecken mag. (Falls es Diamanten waren, dann liegen sie jetzt immer noch da an der Flanke des Tryfan.)

Auf den See folgt eine kleine Steilstufe.

Da geht’s runter. Und wir entscheiden uns dafür, nicht die älteste Jugendherberge von Wales am linken Seeufer anzusteuern, sondern auf mehr oder weniger direktem Weg unseren Bus, der eher rechts steht.

Wo es steil runter geht, da stürzt natürlich auch das Wasser zu Tal. Und wenn man Glück hat, dann geschieht das so dekorativ wie hier.

Hat Rainer das nicht schön eingefangen auf diesem letzten Bild? Er hat dabei aber leise geflucht. Denn die Sicht ist zwar wieder deutlich besser, seit wir dem Tryfangipfel entkommen sind, aber zur Abwechslung fängt es mal wieder an leise zu nieseln, oder vielleicht ist’s hier auch der Sprühnebel vom Wasserfall, jedenfalls wird das Objektiv nass. Es gibt hier also keinen ausgedehnteren Fotostop, obwohl wir dafür echt Zeit hätten. Ja, das soll es auch gegeben haben in diesem Urlaub. Wir haben heute nichts mehr vor, könnten also noch Stunden hier verdödeln. Aber a) das Wetter und b) setzen mal wieder leichte Hungergefühle ein…

Also weiter abgestiegen.

Meinem Mann wird warm, er zieht die Mütze aus. 😀

Und da sehen wir sie plötzlich – die Antwort auf Elias‘ Frage, wie das denn hier so ist mit dem Wegebau.

Säcke über Säcke voll riesiger Felsbrocken liegen da, offenbar per Heli entlang des erodierenden Weges deponiert. Na, auch wenn die Steine nun schon bereit liegen, gibt das noch eine ordentliche Plackerei, bis alles am richtigen Ort sitzt. Und wer nimmt hier wohl diesen schweren Job auf sich?

Wer auch sonst. Alles klar.

Zu unserem heutigen Zeltplatz ist es ein Katzensprung. Die „Gwern Gof Isaf Campsite“ an einer Farm liegt nur 2 km weiter. Wir kommen an und die Rezeption an der Farm ist unbesetzt, also stellen wir uns auf Verdacht mal irgendwo (wo es eben ist natürlich :D) hin und fangen an zu kochen. Als etwas später die ausgesprochen unkomplizierte Besitzerfamilie heimkehrt, heißt sie uns herzlich willkommen. Wir bezahlen lächerliche 6 GBP pro Person und erstehen 3 Duschchips für je 50 p für 5 Minuten!! Wahnsinn.

Der Zeltplatz hat 5 Toiletten, 3 Duschen und einen gut ausgestatteten Abwaschraum mit Kühl- und Gefrierschrank, Handyladeschließfächern (brauchen wir nicht, unsere eigene Stromversorgung im Bus funkioniert top), Wasserkocher und Mikrowelle. Es gibt an der Farm einen Miniladen, und sie verkaufen eigene T-Shirts. Das war’s. Total sympathisch, wie ich finde.

Wir müssen uns zwar ein bisschen arrangieren mit der Dusche (die wir heute alle brauchen), denn es sind noch mindestens zwei Jugendgruppen mit uns am Platz, welche den Duschraum wechselnd bunkern. Aber was soll’s, irgendwann ist auch das letzte Girlie mit seinem heutigen Look zufrieden, und wir können rein. Und als ich am nächsten Morgen Henry, den schwer tätowierten Bauern, vorsichtig frage, ob’s einen schrägen Trick gibt, um in zweien der drei Duschen das Licht anzustellen, lässt er seine Schubkarre stehen und sieht sofort nach dem Rechten. Super. Der Platz hat seinen guten Namen absolut verdient, wie ich finde.

Heute Abend ist uns dann sogar noch ein kleines Spektakel vor Ort vergönnt, denn beim Sonnenuntergang reißt der Nebel auf und gibt direkt vom Zeltplatz den Blick auf den Tryfan frei. Erst spickelt nur der Gipfel durch den Schleier.

Doch dann zeigt sich die North Ridge nochmals in voller Länge, einschließlich der gestochen klar erkennbaren Paradiesgestalten Adam & Eva ganz oben drauf.

Was für ein schöner Abschluss zu einem für mich ganz besonderen Tag, den ich nie vergessen werde. Dank an Rainer und Elias, dass sie das heute mitgemacht haben!!

ZWEI-TAGES-VLOG – Auf nach Wales!

2018-08-31T15:04:42+01:00

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Sonja

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