Großbritannien – Tag 15: Wales – Conwy & Coasteering

Zum Abschied präsentiert sich uns Tryfan nochmals in ganzer Nordgratlängenpracht. Nur die Kanone sieht man aus dieser Perspektive leider nicht.

Gern kehrte ich eines schönen Tages zurück und stattete auch dem Cantilever Stone auf Glyder Fach noch einen Besuch ab…

Für heute aber wenden wir Snowdonia den Rücken zu und widmen uns anderen Projekten. Morgens wollen wir uns Conwy ansehen, das mit einer weiteren Burg des Eisernen Rings aufwartet, zu der eine imposante Zugbrücke hinüberführt. Da isse:

Diese Brücke wurde von demselben Architekten entworfen, der sich auch den Pontsycyllte Aqueduct ausgedacht hat, Thomas Telford. Mein Walesführer schreibt:

„Der berühmte Brückenbauingenieur wurde mit dem Bau beauftragt, nachdem zu Weihnachten 1806 die 600 Jahre lang betriebene Ruderfähre gekentert und dabei 13 Menschen ums Leben gekommen waren. Der Fährmann bekam bei der Eröffnung der Brücke als Ausgleich für die Einsparung seines Jobs 6315 Pfund – das würde heute 415.000 Euro entsprechen. Es waren noble Zeiten.“

Wir überqueren die Brücke und besuchen am anderen Ufer der kleine ehemalige Zollhäuschen, das heute vom National Trust betreut wird.

Das Haus ist winzig, aber wir haben ja unseren „Touring Pass“, da kann man auch die minderen Attraktionen ganz entspannt einfach mal mitnehmen. 😉

Zurück über die Brücke schlendern wir vor an den Strand, wo man wieder Muschelsammler und ähnliches beobachten kann.

Und dann ist da noch das kleinste Haus Großbritanniens zu bewundern.

Das Haus ist gerade mal 1,80 M breit und wurde zuletzt um 1900 von einem immerhin 1,92 m großen Mann bewohnt.

Nun wenden wir uns der kleinen Innenstadt zu – Conwy ist von einer nahezu komplett erhaltenen (und zu 3/4 auch begehbaren) Stadtmauer umgeben. Schmucke Lädchen gibt es da, unter anderem einen fabelhaften Bäcker, der uns mit seinen ausgesprochen appetitlichen Auslagen spontan verführt.

Auch das älteste und einzige noch existierende mittelalterliche Kaufmannshaus der Stadt an, Aberconwy House, besuchen wir, wo (mal wieder) eine engagierte National Trust-Mitarbeiterin für Fragen aller Art zur Verfügung steht.

Ja, die Einrichtung der Zimmer stammt aus verschiedenen Epochen, und ja, am meisten sind wir vom Gebäude selbst beeindruckt, z.B. von dieser echt schepsen Tür. 🙂

Die Kirche besichtigen wir noch kurz, und dann sind wir mit Conwy auch schon durch. Das macht aber nix, denn wir haben nachher einen Termin, und dorthin brechen wir nun auf.

Es geht hinüber nach Anglesey, das im Führer als „Halbinsel“ gekennzeichnet ist, was ich nicht wirklich verstehe. Mir sieht’s nach einer glasklaren Insel aus, nirgends offensichtlich mit Wales verbunden außer durch ein weiteres Bauwerk von Thomas Telford, die Menai Bridge.

Am äußersten Zipfel von Anglesey steuern wir „Anglesey Outdoors“ an, einen Outdoorsport-Veranstalter mit angegliedertem kleinem Campingplatz. Dort wollen wir Coasteering ausprobieren.

„Coasteering“, was ist denn das schon wieder? Na, eine angeblich von Walisern erfundene noch recht junge Sportart. Ich beschreibe es als „Canyoning, aber nicht entlang eines Flusses, sondern entlang einer Steilküstenlinie“. Mit Neoporen geschützt und von einem Ortskenner geführt bewegt man sich kletternd, hineinspringend und schwimmend am Fuße einer Steilküste entlang, unten an der Wasserlinie. Das klingt toll, finde ich! Daher habe ich einen entsprechenden Nachmittag für uns drei gebucht.

Aber vielleicht erinnert ihr euch an Rainers Ausspruch zu einer früheren Phase dieses Urlaubs:

„Reiten und Coasteering, das werden meine zwei persönlichen Höhepunkte dieser Reise werden…“

Auf den Unterton dieser Aussage war ich so gar nicht gefasst gewesen, hatte Rainer doch schon oft mit Begeisterung an Canyoningtouren teilgenommen. Nun stellt sich auf Rückfrage heraus, wo heutzutage das Problem liegt: Mein Mann ist ohne Brille inzwischen nahezu blind. Und eine Brille in diesem Umfeld, das geht gar nicht.

Damit ist klar: So macht das wirklich keinen Sinn. Doch mein lieber Mann hat mich ermutigt, nur seinen Platz abzusagen und wie geplant zumindest mit Elias am nassen Spaß teilzunehmen.

Wir kommen bei Anglesey Outdoors an, werden freundlich empfangen und zum Umkleiden geschickt. Und schon geht es in Achtergruppen an den Strand.

Jaaa, ich bin des Zählens mächtig. Auf dem rechten Bild seht ihr DREI Achtergruppen, die aber bald danach auseinanderlaufen…

Nach einer kurzen Einführung, welcher Bewuchs den Fels rutschig und welcher ihn griffig macht, geht es an einen ersten kleinen Kraxeltest.

Und klar, ziemlich schnell gibt es den ersten Wasserkontakt. 😀

Wieder raus aus dem Wasser…

… und wieder rein (diesmal richtig).

Und wie das so ist: Ist man erst mal nass (und friert natürlich nicht!), dann geht’s munter rein und raus, je nachdem, was das Gelände halt so hergibt.

Diese schönen Übersichtsaufnahmen verdanken wir übrigens Rainer, der unseren Fortschritt entlang der Küste vom oberhalb verlaufenden Pfad aus gut verfolgen und uns die meiste Zeit zusehen kann.

Andere Bilder (jeweils erkennbar am Firmenlogo unten auf der Aufnahme) stammen von der wasserdichten Kamera unseres Guides Tom, der im Übrigen einen tollen Job macht.

Wie man diesen Bildern bestimmt abspüren kann – wir haben einen Heidenspaß!! Das gilt besonders z.B. bei der Erforschung der ersten kleinen Schlucht am Ufer, aus der man am fernen Ende durch Klettern oder aber durch Untertauchen des den Ausgang versperrenden Felsbrockens wieder entkommen kann. Es wählen natürlich alle den Tauchgang… 😉

Weiter hinein in eine weitaus tiefere Höhle.

Und dann folgen die Sprünge, die immer höher erlaubt werden, je nach Vermögen und Mut des Einzelnen. So kommt es auch zu einigen Saltos, von denen Rainer meinen sogar filmisch eingefangen hat, hi hi! 😀

Schließlich aber ist jeder so oft vom höchsten Punkt hinunter gesprungen, wie er wollte, und es ist leider Zeit zurück zu kehren. Sprich, ein letztes Mal den glitschigen Fels hinaufgekraxelt – das geht am Besten, indem man eine Flutwelle abwartet, die einen quasi von selbst den Fels hinaufspült, und beim Abflusssog der Welle heißt es dann FESTHALTEN!!

Und dann die Felsen hinaufgeklettert bis zum Fußweg und dann im vollen Neopren den knappen Kilometer zurück aufs Ausrüstergelände.

Dort geht es unter die sehr willkommene Dusche, das ganze Leihmaterial dreimal durchgespült und ausgewaschen zurückgegeben, und am Tisch draußen noch die im Preis inbegriffene Verpflegung genossen (Kaba und ein Stückchen Blechkuchen). Klasse war’s!!!!! Jederzeit wieder, gell, Elias?!? 😀

Den Abend gehen wir dann gemütlich an. Neben unseren Stellplatz parkt abends noch ein Mann ein, der schon seit 4 Jahren in seinem (etwas größeren) Fahrzeug lebt, das er nach dem Motto „Ach, passt schon…“ im Hauruckverfahren selbst ausgebaut hat. Er arbeitet als Aushilfsbrummifahrer und kommt so ganz schön im Land herum, was ihm an sich auch wirklich Spaß macht. Aber klar, bei diesem Lebensstil sind feste Freundschaften eher schwierig zu pflegen, und so hat er etwas abendlichen Gesprächsbedarf, den wir ihm gern stillen.

Anschließend erledigen wir den Abwasch, richten uns in unserer Koje abendgemütlich ein, und dann passiert’s. Wir sind dabei die Bilder des Tages zu sichten, und ich arbeite am Blog (am Eintrag etliche Tage zurück natürlich… ;-). Da macht irgendwer eine blöde Bewegung, und „etwas klappert“. Stellt sich heraus: Rainer hat die SD-Karte mit seinen Filmaufnahmen vom Coasteering oben auf das Armaturenbrett auf der Beifahrerseite gelegt. Und zwar noch bevor er die Filmchen auf die Festplatte überspielt hatte. Und durch die Erschütterung des Autos ist das kleine, unschuldige Ding nach vorne gerutscht, dorthin, wo die Windschutzscheibe ansetzt.

Ich habe die Sachlage für euch mal professionell illustriert:

Doch was ist das?!? Die Windschutzscheibe setzt nicht etwa verklebt an, sondern da ganz vorne unten ist ein Schlitz. Ein kleiner, fieser, gebogener Lüftungsschlitz. Und dort steckt dann wohl ab sofort die besagte SD-Karte fest, tief in der Versenkung, unerreichbar für alles Fingergefummele, wie wir sofort feststellen.

So eine Scheiße!!!! Wer hat sich denn diese Fehlkonstruktion ausgedacht! (Wahrscheinlich die Ingenieure, welche eine Belüftungsmöglichkeit der Windschutzscheibe für prinzipiell sinnvoll erachten…)

Bei näherer Betrachtung stellen wir nämlich fest, dass besagter Schlitz nicht nur die SD-Karte gefressen hat, sondern auch diverse Parkzettel aus diversen Epochen des vergangenen Jahrhunderts. Oder so. Wie sollen wir da nun drankommen?!

Das Projekt SD-Karten-Rettung führt nun zur Entwicklung einer Vielzahl kreativer Bergungstheorien und verschlingt den besten Teil der nächsten Stunde.

Ohne Erfolg. Denn man kann es kaum als Erfolg werten, dass irgendwann beim Herumgestochere mit diversen Tools die SD-Karte im Fahrzeugnirwana verschwindet und nicht mehr gesehen ward. Sie rutscht quasi von „unten vorne“ nach „unten hinten“ – HINTER die Beifahrerseitenblende. Unsichtbar. Weg!!

Unfassbare Begeisterung bei Schemenauers.

Da müssen wir wohl, wenn wir übermorgen nach Cardiff kommen, einen VW-Händler suchen, der die komplette Blende ausbauen kann. Oder hat etwa irgend jemand ne bessere Idee??

ZWEI-TAGES-VLOG – Coasteering & weiter!

2018-10-08T20:21:59+02:00

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Sonja

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